Sonntagspredigten                                

 Hier finden Sie - bis auf Weiteres in Coronazeiten - die Sonntagspredigten von Pastor Günter Loos in schriftlicher Form.

 

 

 

             Gottesdienst zum Karfreitag am 02.April 2021                     

            in der Ev.-methodistischen Kirche für Detmold und Lage

 

- Musikstück

- Begrüßung / Votum / Bibelwort:


Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh. 3,16)

 

- Lied Nr. 207, 1-3 „Oh Haupt voll Blut und Wunden“

 

1. O Haupt voll Blut und Wunden, / voll Schmerz und voller Hohn, / o Haupt, zum Spott gebunden / mit einer Dornenkron, / o Haupt, sonst schön gekrönet / mit höchster Ehr und Zier, / jetzt aber frech verhöhnet: / Gegrüßet seist du mir!

2. Du edles Angesichte, / davor die ganze Welt / erschrickt und wird zunichte, / wie bist du so entstellt, / wie bist du so erbleichet! / Wer hat dein Augenlicht, / dem sonst kein Licht mehr gleichet, / so schändlich zugericht'? …

6. Ich will hier bei dir stehen, / verachte mich doch nicht; / von dir will ich nicht gehen, / wenn dir dein Herze bricht; / wenn dein Haupt wird erblassen / im letzten Todesstoß, / alsdann will ich dich fassen / in meinen Arm und Schoß.

T: (Nach "Salve caput cruentatum" des Arnulf von Löwen vor 1250) Paul Gerhardt 1656

M: Hans Leo Haßler 1601 / geistlich Brieg nach 1601 / Görlitz 1613

S: Nach Johann Hermann Schein 1627

 

- Musikstück

- Impuls zum Karfreitag: Versöhnung unterm Kreuz

- Gebet

 

Feier des Abendmahls (GB Nr. 775)

- Sündenbekenntnis

 

P Wir feiern heute das Abendmahl. Christus selbst ist der Gastgeber. Er ist durch seinen Heiligen Geist mitten unter uns. In Brot und Wein lässt er uns seine Liebe schmecken. Stärkung und neue Hoffnung sind uns verheißen.

A Treuer Gott, deine Einladung hören wir. Noch ist vieles in uns, das uns festhalten will.

Darum bitten wir dich:

Ordne unsere umherschweifenden Gedanken.

Stille unsere innere Unruhe.

Beruhige unsere äußere Unrast.

Besänftige unsere aufgewühlten Gefühle.

Tröste uns in unserem heimlichen Kummer.

Hilf uns loszulassen und erfülle uns neu mit deiner starken Gegenwart

und der Gewissheit deiner bergenden Nähe.

Wir danken dir und preisen deinen heiligen Namen. Amen.

P Wir bekennen jetzt unsere Schuld. Gott will uns nicht bloßstellen und demütigen. Er befreit uns von der Last aller offenen und verdeckten Schuld, damit wir wieder frei atmen können und dankbarer Jubel unsere Herzen erfüllt.

A Barmherziger Gott, höre unser Bekenntnis:

Böses vergalten wir mit Bösem. Lüge und Herrschsucht gaben wir Raum.

Vom Streben nach Besitz ließen wir uns bestimmen.

Dem Hilferuf der Notleidenden versagten wir uns.

Dem Unrecht widerstanden wir nicht.

Vergebung verweigerten wir.

Allmächtiger Gott, wir bitten dich:

Sieh hinter die Masken, die wir tragen.

Vergib unsere Schuld und verwandle uns in dein Bild.

 

Stilles Gebet

 

- Zusage der Vergebung

 

P Gott sieht nicht mehr auf unsere Schuld. Er vergibt unser Versagen. Darauf können wir uns verlassen. Sein Bund mit uns bleibt bestehen, denn er hat uns verheißen: Berge mögen einstürzen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir wird nie erschüttert, und mein Friedensbund mit dir wird niemals wanken. Das verspreche ich, der Herr, der dich liebt. (Jesaja 54,10)

 

- Mahlgemeinschaft

 

P Im Abendmahl lässt Gott uns seine Liebe schmecken. Alle sind eingeladen.

G Wir feiern Gott in unserer Mitte:

P Wir feiern mit unserem Schöpfer.

G Er schenkt uns das Leben.

P Wir feiern mit Christus.

G Er macht uns frei zum Lieben und zum Hoffen.

P Wir feiern mit dem Heiligen Geist.

G Er atmet in uns und führt uns zum Ziel.

P In der Nacht, in der Jesus verraten wurde, nahm er das Brot, dankte Gott dafür, teilte es und sprach: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Denkt daran, sooft ihr dieses Brot esst!

Dann nahm er den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund zwischen Gott und euch, der durch mein Blut besiegelt wird. Denkt daran, sooft ihr daraus trinkt!

Denn jedesmal, wenn ihr dieses Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn. Daran sollt ihr festhalten, bis er wiederkommt. (1 Kor 11,23-26)

Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist. Ps 34,9

Brotwort: Das Brot des Lebens für Dich gebrochen

Kelchwort: Das Blut Jesu für Dich vergossen

 

- Sendewort

 

P Gott ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Gott ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? Ps 27, 1

Gehet in Frieden. Gott ist mit euch. Amen.

 

- Gebet - Vaterunser - Segen

- Löschen der Kerze

- Stille

 

 

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                                           Vorbilder                                                         

                 Predigtimpulse zu Versen aus Hebräer 11+12

                               für den Palmsonntag 2021

 

Liebe Lesende,

 

ich bin innerlich traurig, wütend und auch resigniert, dass wir nicht gemeinsam in diese Karwoche gehen, wie wir es uns schon länger gewünscht haben. Vor einem Jahr haben wir gedacht, dass Corona so etwas ähnliches wie eine Grippe ist, nur etwas gefährlicher und tödlicher. Diese Naivität im Urteil über die Wirkung der Coronaviren haben wir verloren. Seit Monaten gibt es keine Besuche ohne Vorsichtsmaßnahmen mehr, Feste wurden abgesagt oder zu kleinen Feiern. Gottesdienste erleben wir vor dem Bildschirm und in der persönlichen Andacht. Jeder kennt inzwischen Menschen auch im engeren Bekanntenkreis, die schwer an dieser Krankheit gelitten haben oder auch gestorben sind.

 

Da fehlt sicher nicht nur mir die innere Freude, die zum Palmsonntag immer dazu gehörte:

sich freuen, dass Jesus kommt und man ihn feiern darf als den von Gott zu uns Gesandten

und schließlich auch schon der Blick nach vorne, die Vorfreude auf Ostern.

 

Ich habe ein Gebet zum Palmsonntag gefunden, das mir aus dem Herzen spricht:

Lächerlicher Heiland!

Einen König hätte ich erwartet.

Der auf einem weißen Pferd reitet.

Der alle Not beendet und allem Leid ein Ende macht.

Dessen starke Hand Kriege verhindert und Frieden schafft.

Dessen Wort in den Menschen das Beste erweckt und sie zum Guten führt.

 

Lächerlicher Heiland!

Als Mensch bist du gekommen.

Und auf einem grauen Esel geritten.

Als Verbrecher wurdest du gekreuzigt.

Und mir bleibt wieder einmal nur die Hoffnung.

Aber manchmal begreife ich, dass du selbst diese Hoffnung bist.

Und hoffnungsvoll rufe ich dann zu dir:

Herr, erbarm dich unser!1

 

Es stimmt, schon in der Bibel wird auch von der Enttäuschung geredet, die Jesu Einzug in Jerusalem auslöste. Dieser König der Juden verspricht uns nicht das Paradies, sondern nimmt uns mit dahin, wo das Leben bricht, die eigenen Planungen über den Haufen geworfen werden und wo Trauer zum Alltag gehört. Dort wird Jesus zum Heiland für diese Welt.

 

In diesem Jahr feiern wir am Palmsonntag keine Familienfeste, wie Einsegnungen oder Konfirmationen. Wir gehen mit der Traurigkeit über das, was nun nicht geht, und dem Ärger darüber, dass dieses Virus immer neue Tücken entwickelt, um unser persönliches Leben nachhaltig zu beherrschen, in diese Woche. Damit sind vielleicht näher bei Jesus, als in anderen Jahren.

 

Glaube ist ein Glauben an…

 

Die Gemeinde, die den Hebräerbrief zuerst las oder vorgelesen bekam, lebte aus der Hoffnung und der Verheißung, die andere ihnen im Namen Jesu bezeugt hatten. Überhaupt spielt das, was andere diesen Christen weitererzählt haben und vorlebten eine zentrale Rolle in der Gemeinde. Ein langes Kapitel lang werden die Menschen vorgestellt, die auf ein Wort hin Gott vertrauten und zu Vorbildern des Glaubens im Volk Gottes wurden. Wir lesen von Abel oder Noah. Sara wird erwähnt und Josef. Die Prostituierte Rahab wird genannt und es wird auf Daniel angespielt, der wegen seines Glaubens den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden sollte.

Die Christen in dieser Gemeinde sehen sich in einer Reihe mit vielen anderen, die nicht als Glaubenshelden und -heldinnnen geboren wurden, aber die in ihrem Vertrauen auf Gott zu Vorbildern für Andere geworden sind. In Kapitel 11 und 12 findet man die Begründung, warum die Erinnerung an diese Vorbilder im Glauben wichtig ist:

 

11,1 Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge. 2 Weil unsere Vorfahren diesen Glauben hatten, stellt Gott ihnen in der Schrift ein gutes Zeugnis aus. …

12,1 Wir sind also von einer großen Schar von Zeugen umgeben, deren Leben uns zeigt, dass es durch den Glauben möglich ist, den uns aufgetragenen Kampf zu bestehen. Deshalb wollen auch wir – wie Läufer bei einem Wettkampf – mit aller Ausdauer dem Ziel entgegenlaufen. Wir wollen alles ablegen, was uns beim Laufen hindert, uns von der Sünde trennen, die uns so leicht gefangen nimmt, 2 und unseren Blick auf Jesus richten, den Wegbereiter des Glaubens, der uns ans Ziel vorausgegangen ist. Weil Jesus wusste, welche Freude auf ihn wartete, nahm er den Tod am Kreuz auf sich, und auch die Schande, die damit verbunden war, konnte ihn nicht abschrecken. Deshalb sitzt er jetzt auf dem Thron im Himmel an Gottes rechter Seite.

3 Wenn ihr also in der Gefahr steht, müde zu werden, dann denkt an Jesus! Wie sehr wurde er von sündigen Menschen angefeindet, und wie geduldig hat er alles ertragen! Wenn ihr euch das vor Augen haltet, werdet ihr nicht den Mut verlieren. (Neue Genfer Übersetzung)

 

Einige Sätze dieses Briefes klingen fremd für uns.

Denn man hört in Vers 12,2+3 die Stimme von Christen, die Verfolgung, Folter und Tod kennen und die darin getröstet werden, dass auch ihr Herr das alles schon erlitten hat. Die Menschen, die die Christen angreifen, kennen den Gott und Jesus Christus nicht, der im Leben der Christusgläubigen alles verändert hat und trägt.

Doch nicht die Anderen sind das Thema dieser Sätze, sondern das, was einen innerlich stärkt, um die Angriffe der Gegner nicht mit gleicher Münze vergelten zu müssen. Es geht um den Glauben, der diese innere Kraft wecken kann.

Wir üben uns oft intensiv darin, tiefe Wahrheiten in Worte zu fassen: Was ist ganz sicher so und was ist ganz sicher falsch? Um dieses „für-wahr-halten“ geht es hier nicht. Der Glaube, um den es im Hebräerbrief geht, braucht einen Bezugspunkt: ich glaube an! Die Wahrheit in diesem Glauben lässt sich nicht philosophisch und mit Lehrsätzen festlegen. Sie offenbart sich in der Beziehung mit dem, an den geglaubt wird.

Darum beantwortet der Brief die Frage nach dem Glauben mit den Geschichten von Menschen, die Gott begegnet sind. Nicht in der Theorie einer Weltanschauung wächst Glaube, der auch am Martyrium nicht zerbricht, sondern in der Erfahrung der Gottesbegegnung.

 

Diese Begegnung kann sich sehr unterschiedlich ereignen: Noah baut ein großes Schiff und erlebt die Rettung durch Gottes Gnade. Rahab hilft den Boten des Volkes Gottes zur Flucht und überlebt die Zerstörung ihrer Heimatstadt. Im Alltag des Lebens schreibt Gott seine Geschichten der Rettung, der Veränderung, der Heilung und der Erlösung. Der Glaube an diesen Gott in Jesus Christus trägt uns durch gute und durch schlechte Tage hindurch.

 

Die Vorbilder des Glaubens am Palmsonntag 2021 entdecken…

Ich komme auf das zurück, was ich weiter oben geschrieben habe.

Unsere Gefühle und Erfahrungen in diesen Tagen lassen sich nicht mit einigen aufmunternden Worten wegreden. Aber in unserem Zweifeln bekommen wir ermutigende Kraft, wenn wir an die denken, die uns heute Schritte im Glauben vorgelebt haben und vorleben.

In Sierra Leone haben die Methodisten vor einigen Monaten von ihrem Bischof John Yambasu Abschied genommen. Einige von Ihnen konnten ihn beim ersten Staunen-Festival 2015 persönlich kennenlernen. Er engagierte sich für die Menschen in seinem Land, die Hilfe brauchten. In der Kirche setze er sich für Versöhnung und gegen Spaltung ein. Mit Bischöfin Nhanala aus Mosambik warb er als Stimme aus Afrika 2019 bei der Generalkonferenz in St. Louis dafür, an der Frage der sexuellen Orientierung von Menschen nicht die weltweite Kirchengemeinschaft zerbrechen zu lassen.

Vor gut einem Jahr standen wir zuerst am Grab von Irmgard Dubberke und einige Tage später am Grab von Lydia Reminji. Beide Geschwister aus unserer Gemeinschaft hatten ein großes Herz für andere. Die eine erzählte mir davon, wie sie als Kind auf dem Weg zur Sonntagschule überall bei den Nachbarn geklingelt hat, damit möglichst viele Freundinnen und Freunde in die Kapelle am mitkamen. Sie hat immer wieder in ihrem Leben Menschen eingeladen, mit dabei zu sein, wo sich die Gemeinde trifft. Die andere hatte ein gastfreundliches Haus besonders für die jungen Leute in der Kirche. Immer wieder lud sie alle ein, die Sonntag Zeit hatten, und dann gab es Schnitzel, all-you-can-eat (...so erzählte es mir einer von denen, der damals dabei war)!

Wer fällt Ihnen für ihre persönliche Galerie der Glaubensvorbilder ein?

Vielleicht denken sie an den eigenen Vater oder die Mutter ein, die zwar immer in der Kirche waren, aber die gezeigt haben, dass lebendiger Glaube keine Sprüche braucht, sondern zupackendes Arbeiten und sich Engagieren. Erinnern Sie sich an die Briefschreiberin in der Gemeinde, die keinen Geburtstag vergisst und auch sonst mal einen kleinen Gruß in den Briefkasten zaubert? Immer noch treffen wir Christus unterwegs im Leben in ganz konkreten Menschen, die uns begleiten und die uns den Glauben vorleben.

 

Liebe Vorbilder im Glauben, die ihr meinen Glauben in dieser Zeit stützt:

ich bin sicher, eines Tages wird man Eure Namen im Buch des Lebens nachlesen können.

Amen.

 

Haben Sie Rückfragen oder möchten Sie einen Gedanken der Predigt noch weiter im Gespräch vertiefen? Wenden Sie sich an mich über eine der unten genannten Kontaktmöglichkeiten,

Ihr Günter Loos!

 

Pastor Günter Loos

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1 Gebet von Robert Jonischkeit, Ev. Pfarrer in Kufstein, 2021

 

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                             Ich weiß, dass mein Erlöser lebt                               

                             Predigtimpulse zu Hiob 19, 19-27

                                für den Sonntag Judika 2021

 

Liebe Lesende,

 

in Nürnberg an der St.-Klara-Kirche sitzt der von Gerhard Marcks gestaltete Hiob und scheint einen Menschen vor diesem Moment zu zeigen, an dem er „trotzdem“ sagt. Der gesenkte Kopf sieht noch keinen offenen Himmel über sich aufgehen, sondern die dunklen Dinge, die zu seinem Leben gehören. Doch die Körperspannung scheint in diesem Menschen wieder zu erwachen. Er sitzt, verzweifelt und grübelnd, aber er liegt mit seiner Verzweiflung nicht mehr im Staub und klagt sich und Gott an.

as Buch Hiob erzählt uns wie in einem Bühnenstück das Leben eines Menschen, der mit Gott, sich selbst und seinen Mitmenschen im Reinen ist. Die Familie ist ihm Stolz und Freude, seine Arbeit hat ihm Wohlstand und Anerkennung gebracht und Hiob scheint ein Beispiel für Erfolg und gutes Leben zu sein. Dann beginnt die Tragödie und das Bibelbuch erspart Hiob keinen Abgrund und kein uns bekanntes Leid. Alles zerbricht, sein Leben ist ohne Perspektive und über viele Kapitel denken er und die noch mit ihm zusammen sind darüber nach, ob sich auch Gott in allem erfahrenen Leid gegen ihn gestellt hat.

In der Passionsgeschichte spiegelt sich diese Situation in der Frage Jesu, als er mit Worten des Psalm 22 fragt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“. Alle, die diese Frage Jesu hören, bekommen keine schnelle Antwort. Die drei Tage zwischen Sterben und Auferstehen gehören fest zum Rhythmus der Karwoche dazu. In jüdischer Tradition endet dabei der Tag beim Sonnenuntergang und der Ostermorgen ereignet sich dann am dritten Tag1. Über viele Stunden bleibt das Wort Jesu unwidersprochen, bis das erlösende Wort vom leeren Grab in christlicher Tradition gesprochen wird.

Die Antwort auf das Klagen Hiobs braucht Zeit, bis der liebende Gott, der aller Kreatur das Leben zuspricht, sichtbar wird.

Doch noch ist es nicht soweit. Die Worte aus dem Buch Hiob und die Erinnerung an Jesu Worte am Kreuz nehmen sich Zeit mit all denen zu fragen und nach Antworten zu suchen, die noch tief in ihrem Leiden feststecken. Doch langsam eröffnet sich wieder ein neuer Blick auf das eigene Leben. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“, trotzdem.

 

1. Das Bibelwort: Hiob 19,19-27

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. 20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? 23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24 mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26 Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. (Lutherbibel 2017)

Diese Sätze fangen an zu leben, je mehr wir unsere eigenen Bilder und Erfahrungen in Ihnen nachlesen können:

  • Freunde und Freundinnen, die uns allein lassen, wenn wir ihre Umarmung und ihren Zuspruch brauchen;

  • wenn die Seele nicht mehr kann, schlägt sich Leid in Krankheit und körperlicher Schwäche nieder;

  • die Verzweiflung weckt die Klage gegen Gott und gegen Andere.

Aber damit enden die Gedanken nicht. An dieser Stelle versucht auch eine andere Stimme zu Wort zu kommen. Erst wenn wir diese andere Stimme mithören können, werden wir selbst zu denen, die Hiob oder die Gefährtin des Hiob nicht im Stich lassen und die versuchen, es bei den Leidenden auszuhalten.

 

2. Der Er-Löser rehabilitiert den angeklagten Mensch

Das Rechtsdenken der jüdischen Bibel kennt den Goel, den Erlöser, als Teil der Verpflichtungen, die man füreinander in der Familie übernimmt. Ein Verwandter hatte sich dafür einzusetzen, einen Angehörigen, so er es den konnte, wieder aus der Sklaverei freizukaufen oder sich um die Witwe und die Familie eines Verstorbenen zu kümmern. Bei Gerichtsverhandlungen wurde aus diesem Goel dann der Staatsanwalt, der sich gegen die Täter für das Opfer einsetzt. So wird der Ruf und das Leben eines Menschen wieder rehabilitiert und neu zurechtgebracht.

Hiob erlebt Gott als den, der sich gegen ihn stellt, trotz seinem tiefen engagierten Glauben, aber er vertraut darauf, dass dieser Gott sich nun als Er-Löser an seine Seite stellt. Gott ist nicht der große Richter über seinem Leben, der am Ende über ihn urteilt, sondern der, der ihm neu zum Leben hilft.

An dieser Stelle, wenn sie die Musik in ihrer persönlichen Sammlung haben, nehmen Sie sich sechs Minuten Zeit und hören Sie auf die Vertonung des Hiob-Wortes im Messias-Oratorium von G. F. Händel: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Diese Arie betont jedes einzelne Wort des Satzes. Es wird wiederholt und mal langsam, mal schneller erklingen die Worte. Händel lässt die Arie mit dem Zitat aus 1. Korinther 15,20 enden: „Denn Christus es erstanden von dem Tod, der Erstling derer, die schlafen.“ Die Osterhoffnung wird in dieses alte Hiobwort hinein gesungen.

Die Hiobgeschichte stellt sich der Frage, warum es Menschen, die ohne Gott leben, so gut geht und dem frommen Menschen immer wiede so schlecht. Die Überzeugung, dass uns durch den Glauben am Ende Wohlstand, Fruchtbarkeit, Ansehen und langes Leben geschenkt werden, trägt für viele nicht. Das Leiden kommt auch über das gottgefällige Leben und wir müssen klagen dürfen, wenn uns das Leben unter den Füßen weggerissen wird.

Die Trauer um Menschen, die nicht mehr bei uns sind, und die – wie wir empfinden – zu früh gestorben sind, bringt uns in dieses klagende Fragen. Die zerbrochene berufliche Arbeitsmöglichkeit setzt uns in unserem Grübeln neben Hiob auf seinem Stein vor der St.-Klara-Kirche in Nürnberg. Die Trennung eines Menschen, der oder die uns die Liebe und die Zuwendung aufkündigt, wecken die dunklen Gedanken, die Hiob vor seinem Hoffnungswort benennt.

Die Antwort der Bibel ist für uns und jeden, der mit Hiob mitleidet, das trotzdem: Gott verliert mein Leben auch in den dunklen Tagen und wenn uns die Todessehnsucht näher ist als die Freude an der Fülle des Lebens, nicht aus dem Blick. Gott erlöst mich und überlässt mich nicht den Todesmächten dieser Welt.

 

3. Die Bilder der Sonne über dem Meer…

Pfr. Julia Neuschwander erzählt in ihrer Predigt über Hiob von Meena.2

Meena ist 64 Jahre alt und lebt mit Ihrem Sohn, der Schwiegertochter und drei Enkeln mit ihrem ganzen Hausrat unter einer Plastikplan am Strand der großen indischen Metropole Mumbai. Als Kind wurde sie zwangsverheiratet, missbraucht und von ihrem Mann terrorisiert. Als Mutter von drei Kindern verstößt sie der Mann und sie lebt auf der Straße und verfällt dem Alkohol. Sie zieht dann mit einem neuen Mann zusammen, bekommt weitere Kinder, die an Krankheit sterben oder aus Armut weggeben werden müssen. Am Ende blieb ihr nur der eine Sohn und dessen Familie.

Doch Meena ist zufrieden mit ihrem Leben und froh über ihre Familie.

Jeden Abend malt die Sonne ein anderes schönes Bild über dem Meer. Meena sagt, dass trotz aller ihrer Probleme hier ihr Ort des Glücks sei. Hier sieht sie wieder den Himmel, den Gottes Güte über alles Leben spannt.

Amen.

 

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Pastor Günter Loos

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1 Nach diesem Verständnis rechnet man: Freitag (Tod Jesu) – Tag 1, Samstag – Tag 2, Sonntag (Auferstehung) – Tag 3.

2 Siehe Predigtmaterial zum Sonntag Judika 2021 von Julia Neuschwander in :Gottesdienstpraxis, 3.Perikopenreihe,Bd.2, Gütersloh 2021

 

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           Vertrauen auf das, was wir jetzt noch nicht sehen                   

                  Ein Predigtimpulse zu Johannes 12, 20-26

                     für den Sonntag Laetare 20211

 

 

                              

Liebe Lesende,

Jesus ist nicht zu sprechen, erzählt das Johannesevangelium. Einige fromme Menschen aus Griechenland hätten gerne persönlich mit Jesus gesprochen, aber sie kommen nur ins Gespräch mit denen, die mit Jesus unterwegs sind und viel mit ihm erlebt haben. Doch lesen sie selbst:

20 Unter denen, die zum Fest nach Jerusalem hinaufgezogen waren, um anzubeten, befanden sich auch einige Leute aus Griechenland. 21 Sie wandten sich an Philippus, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: »Herr, wir möchten gern Jesus kennen lernen.«

22 Philippus ging zu Andreas und teilte ihm das mit, worauf Andreas und Philippus zusammen zu Jesus gingen, um es ihm zu sagen. 23 Jesus gab ihnen zur Antwort: „Die Zeit ist gekommen, wo der Menschensohn in seiner Herrlichkeit offenbart wird. 24 Ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ (Neue Genfer Übersetzung)

 

1. Der keimende Weizen – ein Bild für neuen Glauben

Das Bild, was Jesus gebraucht, ist uns bis heute wohl vertraut: damit eine Pflanze neu wachsen kann, muss das Samenkorn in der Erde keimen. Am Ende wird man von diesem Korn nur noch eine Hülle sehen und auch die ist bei vielen Pflanzen bald vertrocknet.

Jesus wird von Besuchern nicht als Experte für landwirtschaftliche Fragen angesprochen. Es geht denen, die zu ihm kommen, und auch ihm selbst mit seiner Antwort um die Frage, wie Glaube, auch unter schwierigen Bedingungen, wachsen kann. Darum kommt dieses Bild des keimenden Weizenkorns hier ins Spiel.

Beobachten Sie auch die Wunder, die in diesen Wochen um uns her passieren?

  • Überall wurden Äcker und Beete vorbereitet für die neue Saat. Die Landwirte haben vielleicht im Winter auf ihren Feldern die Drainage neu verlegt oder die Zäune erneuert und Steine weggeräumt. Es wurde umgepflügt, geeggt und nun wird eingesät.

  • Man sieht erstmal nicht, ob auf den Feldern etwas passiert. Doch dann brechen die neuen Halmspitzen gleichzeitig zu Hunderten durch die Erdkruste.Vor einigen Tagen sah alles lehmig, sandig und tot aus, und nun schimmert da ein schwaches Grün über dem Feld.

Da erleben wir in unserer Nachbarschaft auch in diesem Jahr, worum es Jesus schon damals in seiner Antwort ging: scheinbar ist alles umsonst und alles tot. Doch im Boden wachsen aus den Körnern neue Pfänzchen – und keiner merkt es.

Jesus wird erst später von seinen Freunden verstanden worden sein. Als sie zum ersten Mal dieses Bildwort hören, wird es sie ratlos gemacht haben: Was bedeutet es, dass da etwas jetzt noch nicht sichtbar ist, aber bald für jeden unübersehbar sein wird?

Die Besucher bringen es auf den Punkt, was man persönlich erwartet, wenn man zu Jesus kommt:

Wir wollen Jesus kennen-lernen. (V.20) Darum wollen sie ihn von Angesicht zu Angesicht treffen.

Anders gesagt: Wir wollen sehen, um glauben zu können.

Doch Jesus vertröstet sie: noch seht ihr bei mir nichts, das kommt noch. Jetzt seht ihr Leiden und Kreuz und Angriff, und dann werdet ihr die neuen Halme sehen, die wachsen und neue Frucht bringen. Jetzt müsst ihr glauben, und euch nicht von Euren Augen verwirren lassen.

Das ist bis heute oft auch unsere Geschichte mit dem Glauben und der Kirche: wir möchten die Früchte sehen, wenn wir uns auf den Glauben einlassen, und sind schnell ernüchtert über das, was wir da sehen.

  • Ich habe von Menschen gehört, die durch tiefe Krisen gegangen sind, als sie sich in der kirchlichen Arbeit engagiert haben, und erlebten, wie verbissen, lieblos und ohne Sensibilität füreinander Entscheidungen durchgekämpft wurden.

  • Ich sehe es immer wieder, das Gäste allein stehen, während sich überall um sie herum Grüppchen bilden. Sie bleiben Fremde mitten unter den vielen anderen, die da sind.

  • Ich spüre in verschiedenen Gesprächen, welche Sorgen uns in den Sinn kommen, wenn wir als Kirche mutige Schritte in der Öffentlichkeit gehen sollten.

Wir sehnen uns nach den Früchten und der Wirklichkeit eines neuen Himmels und einer neuen Erde unter uns, und verzweifeln am Alltag des langsamen Wachstums in der Gemeinde.

 

2. Samen, die ausgestreut werden...

Jesus lädt seine Freunde damals und uns heute ein, den Gegen-Glauben einzuüben. Was ist damit gemeint? Wir sollen gegen das an-glauben, was wir jetzt sehen, und auf das hoffen, was gesät wurde und im Verborgenen wächst.

Da wurden Samen mit dem Namen "Gewissheit" ausgesät.

  • Gewissheit zu bekommen, braucht oft Zeit. Man schaut etwas von allen Seiten an und prüft, ob man auch alle möglichen Irrtümer ausgeschlossen hat. In einem Bibelgespräch erzählte jemand, dass ihm in einer Situation schützend die Hand auf den Kopf gelegt wurde. Viele Jahrzehnte später wurde ihm klar, dass ihm hier Christus in der Person eines helfenden Menschen das Leben bewahrt hatte.

Da wird der Same "Vergebung" ausgesät:

  • Das Unrecht, das man erlebt, wirkt oft wie ein Gift weiter, auch wenn die äußeren Wunden längst nicht mehr zu sehen sind. Eine Bekannte verlor ihren Mann, der Polizist war, bei einem Diensteinsatz. Sie trauerte und kämpfte lange mit dem Hass und der Wut auf den Täter, der ihren Mann erschossen hatte. Eines Tages konnte sie den Täter in der Strafvollzugsanstalt besuchen und ihm sagen, dass sie ihm vergeben hatte. Ich lernte sie kennen, als sie innerlich befreit anfing, sich ein neues Leben aufzubauen.

Der wächst der Same "Gelassenheit":

  • Die Statistiken sprechen auch in unserer Kirche eine deutliche Sprache: zu viele Aufgaben müssen in der Konferenz und an vielen Stellen in der Gemeindearbeit von zu wenigen Schultern getragen werden. Es fehlen Menschen, die sich den verfahrenen Problemen und Situationen stellen, damit sich wieder etwas neu entwickeln kann. Doch immer wieder wagen es trotzdem Einzelne und Gremien, sich einfach zu engagieren. Sie organisieren Räume und Treffen, wo andere zur Ruhe kommen und Schutz finden. Sie üben den anderen Lebensstil, der anderen Kreaturen und diesem Planeten eine Chance zum Überleben lässt. Sie investieren ihre Gaben in das Projekt „Gemeinde Jesu“ und überlassen es Gott, was seine Kraft mit ihren Gaben bewirken kann.

Viele Samen sind da bei uns innerlich ausgesät und wir können nur hören, was damals auch die ungeduldigen Besucher es von Jesus hörten: "Es wird sichtbar werden, wie durch Gottes Geist gewirkt diese Welt sich verändern kann, aber jetzt ist noch nichts zu sehen."

 

3. ...sterben lassen!

Kein Same wird neues Wachstum schenken können, wenn er bleibt, wie er war.

Damit Gewissheit wachsen kann, muss viel Skepsis, Vorurteil und Empfindlichkeit sterben.

Damit Vergebung wachsen kann, muss viel Wut und Hass und Empörung sterben, und in der Regel auch das Bild, das ich so ganz positiv von mir in meiner Fehlerlosigkeit zeichne.

Damit Gelassenheit wachsen kann, müssen die sicheren Konzepte und das Wissen um die richtigen Antworten und der selbstgerechte Umgang mit Geschichte und Geschichten sterben. Nur wo Demut Platz hat, wächst auch Gelassenheit.

Damit der Glaube wachsen kann, wirbt Jesus für ein umfassendes "Sterbe-Programm" der Ansichten und der Lebenshaltungen, die in vielen kleinen Bausteinen eine Mauer der Angst und der Furcht um uns her aufbauen. Denn es wächst ja längst das Neue, das sich aus der alten Hülle heraus seinen Weg ins Leben sucht.

 

Amen.

 

Haben Sie Rückfragen oder möchten Sie einen Gedanken der Predigt noch weiter im Gespräch vertiefen? Wenden Sie sich an mich über eine der unten genannten Kontaktmöglichkeiten,

Ihr Günter Loos!

 

Pastor Günter Loos

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1 Bildquelle: Linoldruck - Betanien-Kloster St. Johannes vom Kreuz, Bad Bergzabern

 

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            Nachmacher gesucht, denn Glauben heißt imitieren               

                           Predigtimpulse zu Epheser 5,1+2

                              für den Sonntag Oculi 2021

 

Liebe Lesende,

 

ich lade Sie ein, über zwei Sätze im Brief an die Epheser mit nachzudenken:

 

 

5,1 So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder

 

2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat … . (Luther 2017)

 

1. Wir lernen durch Imitieren...

 

Schauen Sie einmal die beiden Insekten1 an:

 

Links erkennen sie die langen Beine einer Heuschrecke, rechts ist eine Wespenart zu sehen. Die Heuschrecke nutzt das Mimikry, die Nach-ahmung eines gefährlichen anderen Tieres, um sich vor Angriffen zu schützen.

Die Fähigkeit, genau hinzuschauen, und sich dann so zu verhalten und auszusehen, wie jemand anderes, gehört für viele Tiere zum Schutz ihres Lebens dazu. Nachahmen ist aber auch ein wichtiges Werkzeug beim Lernen. Man macht das nach, was jemand mit viel Erfahrung vormacht und hofft, irgendwann selbst diese Fertigkeit so zu beherrschen, wie das Vorbild, dem man nacheifert.

Diesem Lebensprinzip – lernen durch Imitieren – lohnt sich, an einigen anderen Beispielen nachzugehen.

John Lennon, der künstlerische Kopf der Beatles, wurde gefragt, wo denn die Musik der Beatles hergekomme. Sinngemäß hat er erwidert: „Wir haben einfach alles nachgespielt, was wir an Rock-and-Roll gehört haben. Und irgendwann wurde es etwas Eigenes.“

 

Eltern merken irgendwann: ihre Kinder wollen sehen, wie man etwas macht. Sie wollen es ganz genau sehen und hören, wie Erwachsene mit anderen reden, sich am Telefon vorstellen und wie sie sich verhalten, wenn sie jemand treffen. Kinder spielen das dann nach, was sie gesehen haben, kopieren bis in die Formulierungen hinein die Erwachsenen und irgendwann wird es etwas Selbständiges. Wenn wir einem anderen Menschen helfen wollen, das „Eigene“ zu entdecken und zu erproben, dann müssen wir es aushalten, dass er uns kopiert, um irgendwann seinen eigenen Weg und seinen eigenen Stil zu finden.

 

Diesen Weg des Lernens gehen auch die Leute Jesu.

Zwei Jünger fragten bei Jesus nach, wie man als Jesus-Anhänger lebt und wohnt. Jesus antwortet: „Kommt und seht!“ (Joh. 1, 37-39). Fischer gehen mit. Frauen verlassen ihr Zuhause und sind einfach dabei, wenn Jesus spricht und handelt.

 

Nachgehen, zusehen, imitieren.

Wie gewinnt man Mitarbeitende beim Bau, Umbau oder der Erneuerung eines Hauses? Viele möchten gerne etwas tun, aber sie wissen nicht, was. Sie brauchen einen Maurer vor sich, dem sie über die Schulter schauen können. Sie machen es dann genauso und wo es nicht klappt, da schauen sie noch einmal beim Experten nach.

So wachsen Mitarbeiter für den Hausbau Gottes heran. Man muss einer erfahrenen Schwester in der Gemeinde über die Schulter schauen, wie sie das bei der Gratulation der honorigen Senioren macht, und dann kann man es selbst ausprobieren, wie man anderen die liebevoll und angemessen die herzlichsten Glückwünsche an Ehrentagen ausrichtet.

Als Gemeinde laden wir einander zum Mittun ein, indem wir uns imitieren lassen.

Wir zeigen, was wir gut können. Gemeinde Jesu wird gebaut, wo ein anderer lernt, Steine solide zu mauern, Menschen geduldig in ihrem Fragen und Glauben zu begleiten und wo andere Mut finden, ihre eigenen Wege zu gehen, um Jesu Liebe bekannt zu machen.

So beginnt der Epheserbrief einen längeren Gedankengang mit dem einfachen Hinweis:

Imitiert Christus und folgt dem Beispiel, wie ihr von dem Vater im Himmel geliebt werdet.

Gott freut sich an unserem „Nach-machen, nach-leben Christi“. Nur so bekommen wir als Kinder den himmlischen Lebensstil des ganz Anderen in unseren Alltag hinein.

 

2. Christus – das Original

Wenn wir jemand „imitieren“ wollen, müssen wir genau hinschauen, was die markanten Merkmale sind, auf die es ankommt.

Christus ist für den Schreiber des Epheserbriefs das Bild der vorbehaltlosen und dienenden Liebe. Diese Liebe kommt von Gott. Jesus nennt Gott nicht einfach „Vater“, wenn er Abba sagt. Er benutzt einen Kosenamen, wenn er Gott an spricht. Wir würden sagen: Papa! So herzlich und eng ist seine Beziehung zu Gott. Dieses Wort setzt Maßstäbe, wie Menschen in der Gemeinschaft mit Jesus Gott ansprechen können. Mit Gott ist es wie in einer Beziehung zwischen einem Vater / einer Mutter und dem Sohn oder der Tochter, die immer etwas reifer und erfahrener in ihrem Leben werden. Bei Gott darf man neu die eigene kindliche Seele entdecken, und wir werden sogar ausdrücklich dazu ermuntert: „So Ihr nicht werdet wie die Kinder...“ (Markus 10,15)


 

 

Diese Liebe eines Kindes als entscheidendes Merkmal einer Gottesbeziehung im Sinne Jesu hat im Lebensalltag Konsequenzen. Christen gaben sich zu allen Zeiten Spielregeln, um diese Liebe nicht aufs Spiel zu setzen. Diese Spielregeln regelten in der jungen Christengemeinde in Ephesus im Jahr 50 n.Chr. andere Dinge, als die, die wir heute im Blick haben:

 

 

4 Schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. 5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger - das sind Götzendiener - ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. 6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. (Epheser 5, 4-6)

 

Die einzelnen Stichworte, die damals eine wichtige Rolle in der Gemeinde spielten, klingen für uns heute moralisierend und aus der Zeit gefallen. Aber die Sache, um die es geht, ist nicht überholt:

Liebe zu Gott und zu Christus zeigt sich darin, dass ich dankbar lebe, verantwortlich lebe und mit Geduld und Ausdauer bei meinem Glauben bleibe.

 

Die Spielregeln, die damals die Liebe am Leben erhalten sollten, lassen sich vielleicht so übersetzen:

  • So wird das nichts mit echter Gemeinschaft in der Gemeinde und zu Hause, wenn immer wieder jemand sich das „Maul über andere zerreißt“. Wir tragen unseren Hass auf der Zunge vor uns her, und mal sind es nur kleine Nadelstiche, mal sind es Ratschläge, die richtig gesessen haben!

  • So wird das nichts..., denn Unzucht und Ausschweifungen zerstören irgendwann jede noch so feste Beziehung. Unzucht beschreibt eine Form von Selbsterfahrung um jeden sexuellen Preis. Da klingt die fehlende Treue in einer Partnerschaft an. Da wird ein großes Fragezeichen hinter das Spielen mit der „großen Freiheit“ gesetzt. Es geht um die verschiedenen Spielarten unseres Egoismus: „Ich hole mir, was ich vom Leben will. Ich will alles mal erlebt haben!“ Diese Spielart des Egoismus wird auch in der Habgier angeprangert.

Die Spielregeln, die wir uns heute im Miteinander geben, sind keine Gesetze um ihrer selbst willen. Sie sollen helfen, dass wir gut darin sind und gut darin werden, Gottes Liebe zu uns und anderen nachzuahmen. Dafür brauchen wir die Diskussion, was heute christliche Moral ausmacht und was sich überholt hat.

 

3. Von Gottes Liebe geprägt werden ist kein Kinderspiel

Von Gottes Liebe geprägt zu werden, ist kein „Kinderspiel“, auch nicht für Kinder Gottes.

Wenn Kinder etwas (nach-)spielen, dann holen wir sie nur schwer aus ihrer Welt, in der sie gerade sind, heraus: „Ich kann jetzt nicht zum Essen kommen, schließlich muss mein Patient Teddy im Kinderzimmer noch versorgt werden!“ Was bei Kindern so leicht wirkt und uns oft zum Schmunzeln bringt, ist eine anspruchsvolle Sache.

Ich habe mit meinem Sohn lange gekämpft, bis er die ersten Schwimmzüge – damals noch mit Schwimmflügeln! – gemacht hat. Im Schwimmbad stellte sich der 4-Jährige an den Beckenrand und wollte von Papa gesichert durchs Wasser gezogen werden. Doch Papa wollte nicht. Also ging er einen Schritt und noch einen Schritt und noch einen weiter hinein ins Kinderschwimmbecken, bis ihm das Wasser bis unter dem Kinn stand. Papa wollte immer noch nicht. Nun wurde ihm das mit dem Vater zu bunt und er paddelte einfach los. Und siehe da: es funktionierte. Das Wasser trug ihn und er schwamm.

Kurze Zeit später nach dieser denkwürdigen Szene musste ich, weil ein Notfall eingetreten war, die Leitung einer Gruppenstunde an jemand abgeben, die erst seit einiger Zeit in der Kindergruppe als Erwachsene mit dabei war. Bis dahin schaute sie zu und übernahm kleinere Aufgaben. Nun konnte ich nicht da sein und sie wurde ins kalte Wasser gestoßen mit meiner Anfrage, ob sie auch alleine die Gruppe beaufsichtigen könne. Ich bekam am Abend dieses Tages einen Anruf: „Können wir (…sie hatte sich jemand mit dazu geholt!) das in der nächsten Woche wieder machen. Es hat super geklappt.“ Da hat jemand schwimmen gelernt, und ist nicht untergegangen.

Ich lasse die Hand, die mich sichert, los und verlasse mich auf Gott am Arbeitsplatz, in der Schule oder Zuhause. Ich springe ins Wasser und merke, ich gehe nicht unter. Ich finde meinen eigenen Weg in der Spur Jesu.

Denn Christus gestaltet mich und Sie zu Originalen der Liebe Gottes.

Amen.

 

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Ihr Günter Loos!

 

Pastor Günter Loos

Büro Detmold: Mühlenstraße 16 ° 32756 Detmold ° Tel.: 05231.23297

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1 Original siehe: Wikipedia – Artikel Mimikry

 

 

 

             Wenn der Weinberg Gottes schlecht gepflegt wird                

                          Predigtimpulse zu Jesaja 5, 1-7

             für den Sontag Reminszere 2021 / 28. Februar 2021

 

 

Liebe Lesende,

 

seit vielen Jahren gehören weltweit Menschen, die sich zum christlichen Glauben bekennen, zur Gruppe der wegen ihrer Religion am meisten verfolgten Gruppe. Am Sonntag Reminiszere soll in den evangelischen Kirchen derer gedacht werden, die für ihren Glauben Nachteile, Verfolgung und Gewalt erleiden.

Jede Situation, in der ein Mensch Angriffe und Verfolgung erfährt, ist in der Regel mit einer ganz eigenen Geschichte verbunden. In diesem Jahr hat der Rat der Ev. Kirchen in Deutschland die Situation von Christen besonders in Indien in den Mittelpunkt der Gebetsanliegen zu diesem Sonntag gestellt. Ein namentlich nicht genannter Christ berichtet aus seiner Arbeit: „Es gibt immer wieder Beispiele, dass unser christliches Kinderheim administrativ benachteiligt und in seinem Management behindert wird. Es war uns beispielsweise uneinsichtig, warum Büsche und Bäume im Gelände entfernt werden sollten, wo sie doch nötigen Schatten spenden und wichtigen Sauerstoff produzieren. Ein Gesetz dafür wurde uns nicht vorgelegt. Trotzdem waren wir angehalten, die Auflagen umzusetzen. In Zeiten der Wasserknappheit werden andere Heime kostenlos mit dem nötigsten Wasser für die Kinder versorgt. Wir müssen es kaufen, was unser Budget überfordert und uns in Finanzierungsschwierigkeiten bringt.“1

Oft entwickeln sich Konflikte aus Gründen heraus, die mit sozialer Ungerechtigkeit, ethnischen Unterschieden, dem Rollenbild von Frauen und Mädchen und persönlichen Fehden zu tun haben. Doch dann kommt die Religion einer Minderheit dazu und die schlimmen Dinge nehmen ihren Lauf. Kindern den Schatten in subtropischer Hitze zu verweigern, weil das Kinderheim im Namen eines anderen Glaubens organisiert wird, offenbart eine abgründige Boshaftigkeit der dort Verantwortlichen.

Wenn wir uns mit anderen Christen*innen daran erinnern, das Menschen wegen ihres Glaubens bedrängt und verfolgt werden, dann fragen wir danach, wie Toleranz, Nächstenliebe und Respekt in Gemeinschaften und Kulturen weltweit neu wachsen können.

 

Der Bibeltext zum Sonntag: Jesaja 5, 1-7

 

Der Prophet Jesaja hat den Protestsong eines Straßenmusikers aufgeschrieben. Man kann sich das bildlich vorstellen, wie sich diese Szene damals entwickelt haben könnte: Leute kommen zum Markt, es herrscht Gedränge, Feilschen um den besten Preis für die Ware und an einer Ecke macht sich ein Musiker bereit, seine Lieder zu singen. Am Anfang bleiben bei ihm nur wenige stehen, aber als er lauter singt, packt er die Zuhörerenden und von Vers zu Vers wird es ruhiger und jeder und jede will genau hören, welche Ungeheuerlichkeit hier kund getan wird.

 

1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

 

 

7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

 

(Luther 2017)

 

Der Künstler versteht zu komponieren.

Am Anfang hört man noch amüsiert zu, schließlich geht es hier um einen Weingärtner, der Pech hat mit seinen Pächtern. Das kann vorkommen, aber man selbst passt da ja schon besser auf, wen es um den eigenen Weinberg geht. Doch dann kippt das Lied. Es geht gar nicht um irgendeinen vom Pech verfolgten Winzer in der Region, es geht um jeden und jede, der oder die zuhört und wie man es mit der Gerechtigkeit und dem persönlichen Anstand im Umgang miteinander hält. Keine Gerechtigkeit, sondern viel Betrug, Missgunst und Übervorteilung anderer gehören hier, wo der Sänger sein Lied vorträgt, ganz selbstverständlich zum geschäftlichen und gesellschaftlichen Alltag dazu. Den Tricksern und Betrügern wird mitten auf dem Marktplatz der Spiegel vorgehalten und der Prozess gemacht.

Die Bibel erzählt nicht, welche Reaktion es auf dieses Schmählied gab. Es muss Aufruhr gegeben haben, sonst hätte es das Liedes vermutlich nicht bis in den Kanon der Bibeltexte geschafft.

Wo das Vertrauen im Privaten und im öffentlichen Zusammenleben zerstört ist, wächst nichts mehr. Junge Menschen brauchen Vertrauen und Hoffnung, um ihre neuen Ideen ins Spiel zu bringen und sich zu engagieren. Mütter und Väter brauchen sichere Orte, um ihre Kinder ohne Angst großziehen und begleiten zu können. Ältere Menschen und Menschen mit körperlichen Einschränkungen müssen vertrauen können, dass sie unterstützt, versorgt und gepflegt werden, wenn die eigenen Kräfte und Möglichkeiten weniger werden oder nicht genutzt werden können.

 

Ein Dorf, eine Nachbarschaft und eine ganze Stadt werden erst zu lebenswerten Orten, wenn Streitereien und Kämpfe untereinander in rechtlich verbindlichen Strukturen gelöst werden können. Gott toleriert es nicht, dass in der Gemeinschaft, die er gestiftet hat, das Recht des Brutalsten, Rücksichtslosesten und Stärksten regiert. Ohne ein Recht, auf das sich alle verlassen können, regieren Bosheit, Schlechtigkeit und Angst. Davon singt das Lied des Jesaja.

 

 

Der Glaube verändert Menschen und ihre Gemeinschaft

An dieser Stelle trifft sich der alte Bibeltext mit den Fragen, die Verfolgung und Bedrängnis heute auslösen. Die Situation von Menschen in Indien hat etwas damit zu tun, ob Recht für alle gilt oder zu einem Besitz derer wird, die gerade die Mehrheit sind.

 

Christina Bruderek, ev. Pfarrerin im Rheinland, erzählt von einem jungen Mann, der als Mitglied einer gesellschaftlich geächteten und wirtschaftlich benachteiligten Gruppe seinen Weg zum christlichen Glauben gefunden hat. Als Kind erlebte er mit, wie sein Dorf von Nachbarn angezündet wurde und die ganze Dorfgemeinschaft fliehen musste:

Für Daniel Venkatesh sind die Bilder und Geschichten der Bibel eine Mischung aus Albtraum und Wunschtraum. Unfassbar schrecklich, bedrohlich und erlösend, alles gleichzeitig. Er fragt Jayapaul, einen guten Freund, nach diesem Jesus. Und hört vom Feuer der Liebe. Er fragt solange, bis er sich entscheidet, diesem Jesus zu vertrauen und Christ zu werden.

Christ zu werden, ist in Indien riskant. Es kann gefährlich werden. „Indien den Hindus“, ist eine Parole, die immer wieder zu hören ist. Von einflussreichen Politikern und Politikerinnen. Christliche Einrichtungen, Schulen, Hilfswerke und Gottesdienste werden beobachtet. Sie werden manchmal gestört. Taufen werden registriert mit einem Vermerk im Ausweis. Und trotzdem sagt Venkatesh eines Tages: „Ich glaube, das Allergrößte für mich wäre, getauft zu werden.“ Er erklärt, das Schönste gegen seine Angst vor dem Feuer wäre das Wasser der Taufe. Die alte Angst würde überwunden werden von dem guten Feuer von Jesus. Von der Liebe, die im Herzen brennt.

Venkatesh wird getauft und bekommt den Namen Daniel. Immer, wenn er erzählt, wie er zu seinem neuen Namen kam, strahlt er. Er erzählt, wie es weiterging. Dass er als Sozialarbeiter in Indien unterwegs ist. In Schulen mit Kindern und Jugendlichen über Gott redet. Dass er wunderbare Erfahrungen dabei macht. Weil das Feuer der Liebe wichtiger ist als das Kastensystem. Weil die göttliche Liebe keine Unterschiede macht, keine Hierarchien kennt. Weil sie alle meint, egal, welche Hautfarbe, Mann oder Frau, arm oder reich. Unabhängig von der Herkunft, der Vergangenheit und Erziehung. Alle haben Würde, sind willkommen. …

Daniel Venkatesh hat die Freiheit eines Christen-Menschen gefunden. Mit Bildung einen Ausweg aus der Armut. Mit der Bibel heilsame Gegenbilder zu seinen schmerzhaften Erfahrungen. Mit Christus die Liebe, die größer ist als alles, was Angst macht.“2

Viele der Christen, die um ihre Rechte kämpfen müssen und ihre Würde immer wieder verteidigen gegen Vorurteile und Lügen in ihrer Umwelt, werden für andere zum Vorbild in ihrem eigenen Glauben. Oft brauchen wir den Blick auf Andere und ihren Alltag, um zu verstehen, was für ein Privileg es ist, für die eigenen Grundrechte nicht ständig neu kämpfen zu müssen.

Die verändernde, transformierende Kraft des Glaubens kommt dort ins Spiel, wo die Dinge nicht zum Besten stehen. Das Gebet für Menschen, die heute Diskriminierung und Unterdrückung erleiden, vertraut darauf, dass Gottes Sorge um Gerechtigkeit auch dort die Dinge verändert, wo die „Schlechtigkeit“ regiert.

 

Dem „Schlechten“ keinen Platz lassen

Schlecht bleibt schlecht, wenn man dem schlechten, ungerechten, wortbrüchigen und Gott-fernen seinen Platz lässt. Doch was am Ende sich durchsetzen wird, ist noch nicht entschieden. Noch ist das Ende offen. Darum reden Jesus und der Prophet Jesaja von den Dunkelzonen in dieser Zeit. Denn jetzt ist - noch! - die Zeit der Gnade, da ist noch etwas offen. Mach es anders, lass den anderen Geist Gottes wieder zur Selbstverständlichkeit in deiner und dieser Welt werden!

Amen.

 

Ein Gebet:

Stellvertretend für alle, die um ihres Glaubens willen leiden,

denken wir heute an unsere Geschwister in Indien.

Wir bitten Dich, Gott, sei bei ihnen, wenn sie angefeindet werden,

wenn sie Ausgrenzung, Benachteiligung, Verfolgung erleben.

Lass sie Deine Gegenwart spüren, Deinen Beistand erfahren

und berge sie in Deiner grenzenlosen Liebe.

Amen.3

 

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Ihr Günter Loos!

 

Pastor Günter Loos

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1 Dieser Text und die anderen zitierten Texte findet man unter: Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen, zum Sonntag Reminiczere 2021, Focus Indien, hrsg. von der EKD

2 Arbeitshilfe der EKD, S.50

3 Arbeitshilfe der EKD, S. 15

 

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                                      Jesus wird verraten                                           

                         Predigtimpulse zu Johannes 13, 21-30

                              für den Sonntag Invocavit 2021

 

 

Liebe Lesende,

 

die Szene, die Johannes in seinem Evangelium am Anfang der Texte um Jesu Passion aufgeschrieben hat, hat es in sich. Was Jesus durchlebt bei seinem letzten Essen mit den Freunden, lässt auch uns heute beim Lesen nicht unberührt:

 

 

21 Danach erklärte Jesus, bis ins Innerste erschüttert: »Ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten.« 22 Die Jünger sahen sich bestürzt an; sie konnten sich nicht denken, von wem er sprach. 23 Der Jünger, den Jesus besonders liebte, hatte bei Tisch seinen Platz unmittelbar an Jesu Seite. 24 Simon Petrus gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, er solle Jesus fragen, von wem er gesprochen habe. 25 Da lehnte sich jener Jünger so weit zu Jesus hinüber, dass er ihn unauffällig fragen konnte: »Herr, wer ist es?«

26 »Ich werde ein Stück Brot in die Schüssel tauchen«, antwortete Jesus, »und der, dem ich es gebe, der ist es.« Er nahm ein Stück Brot, tauchte es in die Schüssel und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot. 27 Sowie Judas das Brotstück genommen hatte, ergriff der Satan Besitz von ihm. Da sagte Jesus zu Judas: »Tu das, was du vorhast, bald!«  

28 Keiner von denen, die mit am Tisch waren, verstand, weshalb er das zu ihm sagte. 29 Da Judas die gemeinsame Kasse verwaltete, dachten einige, Jesus habe ihm den Auftrag gegeben, das einzukaufen, was für das Fest nötig war, oder er habe ihn angewiesen, den Armen etwas zu geben. 30 Als Judas das Brot gegessen hatte, ging er sofort hinaus. Es war Nacht. (Johannes 13, 21-30, nach: Neue Genfer Übersetzung)

 

Es war Nacht…

Die letzten Worte dieser Geschichte bringen es auf den Punkt, was sich hier mit jedem Satz offenbart: es ist Nacht.

Judas, der fest zum Kreis der Schüler und Freunde Jesu gehörte, wird als der entlarvt, der Jesus ans Messer liefern wird. Die Anderen am Tisch, das ist Johannes als dem Chronisten wichtig zu betonen, verstehen nicht, was hier gerade passiert. Der, dem alle so vertrauten, dass er die Kasse in der Gruppe führen konnte, hatte innerlich mit Jesus gebrochen.

Es breitet sich immer mehr eine tiefe Dunkelheit über Jesus und die, die mit ihm zusammen sind, aus. Man rückt nicht zusammen bei dieser Mahlzeit, die am Anfang der Festtage zum Passah miteinander in alter Tradition gefeiert wird, sondern die Brüche unter den Jüngern in ihrer Beziehung zu Jesus werden sichtbar. Diese Tage, die sie danach miteinander erleben werden, werden noch viele dunkle Stunden bringen. Und auch Judas, dessen Verrat an Jesus hier sichtbar wird, bleibt nicht der einzige im Kreis der Jünger, der an seinem Bekenntnis zu Jesus scheitern wird:

  • Im Garten Gethsemane klagt Jesus über die, die er bewusst zur Unterstützung mitgenommen hatte, denn sie schlafen, als er ihre Hilfe braucht.

  • Petrus wird am Morgen darauf dreimal leugnen, Jesus zu kennen oder zu ihm zu gehören.

  • Nach dem Tod Jesu verstecken sich die Jünger und die Freunde Jesu und haben Angst, selbst verhaftet und hingerichtet zu werden. Sie stehen nicht für Jesus auf und klagen das intrigante Spiel um den Prozess ihres Freundes an.

Die Evangelisten ersparen uns nicht die Geschichten dieser Nacht vor dem Tod Jesu in ihren Erzählungen. Die großen Erwartungen und die Hoffnung, die Jesus geweckt hat, wenn er vor vielen redete, Menschen heilte und das Himmelreich lebendig werden ließ in seinem Wirken, kommen ins Wanken. Was ist echt in dem, was man mit Jesus an Glauben und Hoffnung verbindet, und was wird am Ende mit Jesus am Kreuz sterben und im Grab beerdigt werden?


Kennen wir Judas?

Die Evangelisten finden sehr unterschiedliche Erklärungen dafür, wie man Judas und sein Handeln deuten kann. Lukas sieht ihn als einen Menschen, von dem der Satan Besitz ergriffen hat und der nicht mehr seinen eigenen Willen tut (Lukas 22,3). Matthäus berichtet, dass Judas am Ende bereut, was er getan hat (Matthäus 27, 3-10). Im Markusevangelium betont Jesus, dass er seinen Weg gehen muss, aber Schlimmes dem geschehen wird, der ihn durch Verrat auf diesen Weg bringt (Markus 14, 21).

Auch Johannes redet von Judas als dem, von dem der Satan Besitz ergreift. Er zeichnet die Person Judas in seinem Evangelium als Gegenbild zu Petrus. Als Jesus zum ersten Mal seinen bevorstehenden Leidensweg offen anspricht, wehrt sich Petrus dagegen, Jesus zu verlassen. Judas wird schon an dieser Stelle von Jesus als der benannt, der ihn verraten wird (Johannes 6, 68-71).

Es gibt gute Gründe, mit den wenigen Angaben, die wir haben, noch ein anderes Bild von Judas zu zeichnen. Sein Name Isch-kariot könnte auf den kleinen Ort „Kariot“ hindeuten, aus dem dieser Mann (hebäisch = „Isch“) kam. Der Name könnte auch ungenau wiedergegeben worden sein und im Ursprung auf die Beziehung von Judas zu den Sikariern, die als politische Attentäter in der damaligen Zeit gefürchtet waren, anspielen.

Judas hat durch seine Heimat im Ort Kariot, der in Judäa liegt, unter den Jüngern, die alle aus Galiläa stammten, eine besondere Rolle eingenommen. Auch seine radikale Grundhaltung, mit der er sich für eine andere politische Ordnung im Land eingesetzt haben könnte, gab ihm unter den Jüngern eine Sonderrolle. Als Jesus sich von einer Frau mit teurem Nardenöl salben lässt, protestiert Judas gegen diese Geldverschwendung (Johannes 12,4). Dieses Geld hätten die Armen besser gebrauchen können, sagt er.

Judas erscheint uns nicht als ein Mensch, der sich aus niederen Beweggründen gegen Jesus stellt und wegen des Bestechungsgeldes den Verrat plant. Er hatte vermutlich hohe Ideale als er Jesus kennenlernte und erwartete, dass seine Hoffnungen bei Jesus nun Wirklichkeit werden und sich erfüllen. Doch Jesus zeigte immer mehr, dass das Himmelreich, von dem er redete, nicht mit Gewalt und Umsturz kommen wird, sondern durch innere Umkehr und das Vertrauen auf Gottes lebensverändernde Liebe und Kraft.

Am Ende, so könnte die Judasgeschichte auch erzählt werden, scheiterte Judas an der Erwartung, dass Jesus schnell und radikal den neuen Himmel und die neue Erde bringen wird. Das tat Jesus nicht. Irgendwann sah Judas in Jesus vielleicht nur noch den menschlichen Prediger, aber nicht mehr den von Gott geliebten und beauftragten Messias, der sein Volk erlösen wird.

Am Anfang war Judas mit der gleichen Überzeugung und dem gleichen Engagement dabei, wie alle anderen im Kreis der Jünger. Doch dann gab es einen Bruch. Judas, da sind sich die Evangelisten einig, war keine böse oder verfluchte Persönlichkeit, aber am Ende verliert er sich in der Nacht, wo er zum Verräter wird und dem Glauben an das, was Jesus verheißen hat, abschwört.

 

Sich in der Nacht verlieren…

Wenn wir diese Geschichte wieder neu lesen, geht es nicht darum, den Schauer über die Abgründigkeit von Menschen langsam den Rücken hinaufwandern zu spüren. Das biblische Judasbild taugt nicht dafür, einfach das Böse dort bei Judas festzumachen und das Gute hier bei Jesus und den Jüngern zu suchen.

Judas ist der Jünger, der den Glaubenserfahrungen Platz lässt, wo man sich gegen Gott stellt und die eigene Glaubensgewissheit verliert. Nicht die Anderen, die noch nicht den Weg zu Jesus gefunden haben, scheitern, sondern der Jünger und die Jüngerin, der oder die mit Engagement und Überzeugung mit dabei ist. Judas nimmt in seiner Person unsere eigene Angst auf und gibt ihr ein Bild, wie es ist, wenn ich in Gefahr stehe, mein Vertrauen auf Christus aufzugeben und den Glauben zu verraten.

Die Judaserzählung, wie sie Johannes aufgeschrieben hat, lässt keinen Platz für Vergebung und Sühne, wie dies Matthäus tut. Bei Johannes lesen wir von der zerstörenden Kraft, die in diesem Verrat für die Gemeinschaft der Jünger und den Glauben liegt. Wer sich in der Nacht verliert und seinen Glauben aufgibt, riskiert buchstäblich das eigene Leben.

Es ist hilfreich zu verstehen, warum sich Judas möglicherweise dieser Nacht ausgeliefert hat. Wäre da nur die Erklärung: das ist Schicksal oder da regiert die böse Vorherbestimmung, würden wir die Kraft der österlichen Auferstehungsbotschaft klein reden. Auch diese Geschichte vom Verrat beim letzten Mahl der Jünger mit Jesus endet beim leeren Grab am Ostermorgen und dem Jubelruf: „Jesus lebt!“.

Ob wir das schaffen, auch unsere eigenen Judasgeschichten und die Geschichten von Verrat an unserem Glauben in dieser Perspektive zu erzählen? Die Tat des Judas ist überwunden im neuen Leben durch Christus.

Damit bleibt der Erschütterung und der Schmerz, der immer mit einem Verrat einhergeht, Realität. Nichts wird verharmlost oder kleingeredet, aber unser Glaube sieht nicht nur die Nacht, sondern auch das Licht des neuen Morgens, an dem Gottes Gnade Verrat, Gewalt und Schmerzen überwunden hat.

Amen.

 

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Pastor Günter Loos

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               Keine frommen Worte  ....   ohne frommen Taten                

                         Predigtimpulse zu Jesaja 58,1-9a

                          für den Sonntag Estomihi 2021

 

Liebe Lesende,

 

an diesem Wochenende streicht das Coronavirus einen nächsten Fixpunkt in unserem öffentlichen Kalender: der Straßenkarneval und die Kostümierung von in der Regel seriösen Menschen fällt aus. Ich wundere mich über mich selbst, dass ich das heute so schreibe.

Als junges Ehepaar lebten wir im Einflussbereich des rheinischen Karnevals. Regelmäßig nahmen wir damals unsere Urlaubstage, um dem Treiben vor Ort zu entfliehen. Als Norddeutscher, der trotz aller methodistischer Wurzeln von der Kultur des nüchternen Luthertums an der Küste geprägt war, fühlte ich mich in diesem Treiben von Volksfest und grenzenloser Partylaune nicht wohl. Außerdem gab da auch diesen Dünkel, dass sowas nicht viel mit echtem Glauben zu tun haben kann, und ganz anderen Geistern Tür und Tor öffnet.

 

Meine Kinder gemeinsam mit guten Freunden und Freundinnen befreiten mich aus diesem selbstgerechten frommen Denken. Die Karnevals-Jecken geben natürlich nicht ihre Überzeugungen an der Garderobe ab, wenn sie ihre Kostüme anziehen und Kamelle unter das Volk werfen. Das Wohlbekannte wird sichtbar gemacht im rheinischen Karneval. Die Politik muss sich warm anziehen, wenn mit guten Figuren und markigen Sprüchen auf den Wagen ihre Fehler und Schwächen zum Gespött für das Volk werden. Die Prinzessinnen und die Prinzen drehen für einige Zeit die gewohnten Standesordnungen um: nicht adliges Blut oder unermesslicher Reichtum bringen Leute zu diesem Titel, sondern die Wahl der Karnevalsgesellschaften küren die Regierung für einige Zeit. Es ist eben ein großer Spaß, wenn sich alle Welt für einige Stunden in die Rolle eines orientalischen Magiers, der Primadonna auf der Bühne des Lebens oder des unerschrockenen Reiters im amerikanischen Westen hineinträumt. Wer lernt, sich selbst nicht immer ganz so wichtig und ernst zu nehmen, wird vermutlich leichter einen Zugang zu denen finden, die für viele nicht in das Bild der „Normalen“ hineinpassen.

 

Die Predigt des Jesaja in Kapitel 58 kannte keinen rheinischen Karneval, aber ein Gesellschaftsklima, wo es nicht an frommen Worten fehlte, aber an gelebter Gerechtigkeit und Hilfe für die Bedürftigen.

 

Lesen Sie selbst:

 

2 So spricht der Herr: „Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.

4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. (Jesaja 58, 2-9a nach Luther 2017)

 

1. Brot soll alle satt machen

 

Das Jesajabuch spiegelt die Geschichte Israels vom siebten bis ins fünfte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. An die Texte des Propheten, der den Untergang des Nordreichs durch die assyrischen Truppen miterlebte, ergänzten spätere Schreiber Predigten und Prophetien aus der Zeit des babylonischen Exils. Schließlich gibt es Worte und Sprüche davon, wie man sich auf die Rückkehr aus Babylon in die alte Heimat vorbereitete und wie dann das Leben in Israel aussah.

 

Unser Text gehört zu den jüngsten Texten im Prophetenbuch. Prof. Dr. Andreas Vonach / Innsbruck schildert mit wenigen Worten, wie man sich die Situation vorstellen muss, in die hinein die Fastenpredigt aus Jesaja 58 gesprochen wurde:

Die großen Hoffnungs-und Wohlstandsvisionen der aus der babylonischen Fremde in ihre Heimat Zurückgekehrten sind verblasst, die erlebte Realität stellt sich deutlich anders dar als vorgestellt. Die soziale Schere klafft weit auseinander, ein Großteil der Bevölkerung lebt in erdrückender Armut und die Regierung des Tempelstaates scheint ein System von Ungerechtigkeit und Unterdrückung der Rechtlosen zu fördern. Aber selbst Gott scheint sein Volk vergessen zu haben und nicht auf die Bußriten und Fastenübungen desselben zu reagieren.1

 

Die guten Hoffnungen waren noch präsent, die Gebete und Gottesdienste dankten weiter Gott für seine Bewahrung auf dem Weg aus Babylon in die alte Heimat, aber der Alltag organisierte sich nach den Rechten der Stärksten. Keine ideale Gesellschaft entsteht in Jerusalem, sondern wer die Macht hat, sorgt für sich und die eigenen Leute.

 

Das Bild vom Brotbrechen mit dem Armen bringt die Widersprüche in der sozialen Gerechtigkeit auf den Punkt: natürlich wäre das ein erstrebenswertes Ziel, dass niemand hungern muss in der Stadt, aber denen, die es sich leisten können, reicht das Brot noch nicht, was sie für sich allein verbrauchen. Jeder muss selbst schauen, wo er oder sie bleibt, sagen die, die es sich leisten können.

 

Der Prophet verbindet in seiner Predigt zwei Dinge, die man gerne getrennt hätte. Das gottgefällige Leben, die Anbetung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs ist keine Frage der praktizierten Fastenübungen – siehe oben! -, sondern der sozialen Gerechtigkeit, die miteinander gelebt wird. Eine gesunde Gottesbeziehung braucht die Fürsorge und Achtsamkeit mit denen, die unter die Räuber gefallen sind, denen die Dinge im Leben misslungen sind und die menschlich einfach Pech hatten. Jesus nimmt diesen Anspruch auf, wenn er davon redet: „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ (Matthäus 28,45)

 

So wird die Frage, ob alle von dem Brot, das es gibt, satt werden, zur Frage danach, wie ich Gott in meinem Leben begegnen kann.

 

2. Beten im stillen Kämmerlein,

aber soziales Engagement, wo man andere mitnehmen kann

 

Der letzte Vers in unserem Text weckt Erinnerungen an die Aufforderung Jesu, wie man angemessen mit Gott reden kann und betet. Die Sehnsucht, die wir immer wieder mal beim Beten erleben, beschreibt unser Text so: „Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“ Das eigene Beten und Fragen verhallt nicht, sondern bekommt eine Antwort. Doch auch diese Erfahrung macht die Fastenpredigt im Jesaja nicht zu einem Thema der spirituellen Technik, sondern sie gehört dahin, wo wir uns engagieren, um die Not in dieser Welt zu überwinden.

 

Jesus sieht das stille Kämmerlein als den Ort an, wo Platz für das Gespräch mit Gott ist (Matthäus 6,6ff.). Im Jerusalem des Predigers im Jesajabuch schien es üblich gewesen zu sein, öffentlich sein Fasten und Verzichten zu praktizieren. Vielleicht kann man V.3 auch so verstehen: „Schaut her, wie ich mich demütige und opfere für Gott, aber Gott tut nichts!“ Das klagt die Fastenpredigt im Jesajabuch an. Wieder spürt man die innere Verbindung zwischen diesem Text und dem Reden Jesu.

Nicht das Gebet und unser Opfer gehören an die große Glocke gehängt, sondern das, wo wir gegen Unrecht und Leid in dieser Welt aufstehen und die Dinge versuchen zu ändern. Wenn schon das eigene Beten die große Bühne vor Freunden und Nachbarn bekommt, dann bleibt kein Ort mehr übrig, wo wir, andere einladen können, gemeinsam den Weg in eine andere Welt, in der Gerechtigkeit wohnt und Achtung vor dem Leben die Taten bestimmt, mit zu gehen.

 

Hilft es Ihnen, konkrete Aufgaben und Projekte genannt zu bekommen, wo dieser Weg in eine andere Welt heute losgehen kann? Ich nehme drei Nachrichten aus der vergangenen Woche auf:

  • An diesem Wochenende sind Interessierte zu einem Missionstag mit Gästen aus unseren weltweiten Projekten per Videokonferenz eingeladen. Dort werden Renate und Claus Härtner erzählen, wie in vielen kleinen Schritten in Cambine eine neue Nähwerkstatt entstanden ist, die Schreinerei nun Möbel für das Ausbildungszentrum produziert und die Schmiede die Häuser sicherer und funktioneller ausstattet.

  • Das Kinder- und Jugendwerk nimmt eine Initiative der Kommission für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung auf. In diesem Jahr will man bewusst deutlich weniger Plastik in der Fastenzeit konsumieren, als wir es sonst im Alltag tun. Nähere Informationen dazu werden Sie im nächsten Wochenbrief aus der Gemeinde finden. Durch einen anderen Umgang mit Plastik verändern sich die Überlebensmöglichkeiten von Geschöpfen, die in den Meeren und Gewässern dieser Welt leben.

  • In der Detmolder Gemeinde berichtet der Kassenführer von einer deutlichen Zunahme der Spenden für Brot-für-die-Welt und die EmK-Weltmission im vergangenen Jahr. Leider kann ich zu den Spendeneingängen in Lage für diese Werke noch nichts konkret sagen. Aber Frank Aichele schreibt in dieser Woche in seinem Dankbrief an die Spendenden der Weltmission, dass man durch die Absage vieler Gottesdienste und Spendenaktionen mit einem Spendeneinbruch für 2020 gerechnet hätte. Der Jahresabschluss 2020 wies nun sogar ein leichtes im Plus im Vergleich zum Vorjahr aus. Geld, was dort Brot und Einkommen schenkt, wo Hilfe in diesen Monaten dringend gebraucht wird.

 

3. Ob der Prediger im Jesajabuch etwas mit einem rheinischen Jecken hätte anfangen können?

 

Wenn der Prediger aus dem Jerusalem des 5.Jahrhundert vor Christus heute einem rheinischen Jecken begegnen würde, gäbe es zwischen beiden vielleicht mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Der Karneval gehört denen, die mit einem etwas verrückten Blick auf die Realitäten in ihrer Welt schauen. Für viele ist in der normalen Welt kein Platz mehr für Gott, für die Zeiten des Gebets und für den engagierten Einsatz für die Armen unter uns. Damals wie heute könnte der etwas andere Blick auf die Dinge uns helfen zu verstehen, dass denen, die wissen, mit wem sie das Brot teilen müssen, sich die Ohren öffnen und sie hören „Siehe, ich bin da!“.

Amen.

 

Haben Sie Rückfragen oder möchten Sie einen Gedanken der Predigt noch weiter im Gespräch vertiefen? Wenden Sie sich an mich über eine der unten genannten Kontaktmöglichkeiten,

Ihr Günter Loos!

 

 

Pastor Günter Loos

Büro Detmold: Mühlenstraße 16 / 32756 Detmold /

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1 Siehe Prof. Dr. Andreas Vonach, in: 5. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A , hrsg. von Katholische Bibelwerke in Deutschland, Östereich, Schweiz, 2019

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                 Am Ende wird es mehr als genug sein…                           

 

                         Predigtimpulse zu Lukas 8, 4-8

               für den Sonntag Sexagesimae / 07.02. 2021


Der Predigttext aus Lukas 8, 4-8:

 

4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. 6 Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. 8 Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre.

 

 

Liebe Lesende,

 

Es war einmal jemand, der erzählte Geschichten von einem Reich, dass die Leute sagten: wir wollen mehr von diesem Reich, diesem Reich der Himmel kennenlernen. Da erzählte er...“, so fange ich an, wenn ich den Predigttext mit der der Methode von Godly-Play1 anderen aufschließe.

 

Unser Nachdenken über die Mission der Gemeinde und über die Kraft des Wortes Gottes steht in diesem Horizont der Geschichten, von denen wir im Herzen nie genug bekommen können. Wir sehnen uns bis heute nach dieser anderen Welt, dieser Nähe Gottes in unserem Alltag und brauchen immer wieder – biblische! – Hilfe, um unsere Himmelssehnsucht in die richtige Richtung zu lenken.

Kommen Sie mit auf einem kleinen Streifzug durch Saat und Erntetechnik damals und heute, der sichtbar macht, was Jesus mit dieser Geschichte vom Himmelreich betont.


1. Landwirtschaftliche Fachkunde

 

Wissen wir noch, wie man ein Stück Land beackert? Bis vor wenigen Jahren hätten Sie sicher hier in Lippe, das immer von der Landwirtschaft gelebt hat, über eine solche Frage nur gelächelt. Aber vieles, was bei den Experten für Bodenbearbeitung selbstverständlich jedes Jahr neu getan wird, ist uns sehr fremd geworden.

Ich nehme Sie darum mit ins Frühjahr 1981, als ich einige Monate auf dem Hof meines Onkels im östlichen Ontario in Kanada gearbeitet habe. Nach der langen Frostperiode begann im Mai wieder die Feldarbeit. Die Felder mussten für die Aussaat von Mais und Weizen vorbereitet werden. Das hieß praktisch: Steine sammeln. Wenn die empfindlichen Maschinen an den Steinen kaputt gefahren werden, ist der Schaden schnell größer wie der Ernteertrag. Also sammelte ich Steine auf den Feldern: kleine Steine, faustgroße Steine, Felsbrocken.

Seit über 100 Jahren sammelten die Farmer hier immer wieder jedes Frühjahr ihrer Steine. Die Feldränder sind gesäumt von Steinbrocken in allen Variationen. Wo die Steine jedes Jahr neu herkommen? Die einen sagen: die Rotation der Erde treibt durch die Zentrifugalkraft die Steine aus den tieferen Erdboden, die anderen schieben es einfach auf den Frost. Vermutlich arbeiten Zentrifugalkraft und Frost zusammen. Seit Generationen begann die Frühjahresarbeit damit, zuerst einmal das Feld gründlich aufzuräumen und vorzubereiten.

Erst wenn alle Steine weggeräumt sind, der Pflug alles umgegraben hat und die Egge den Boden erneut planiert hat, fährt die Saatmaschine über das Feld.

Jedes Saatkorn soll schließlich bei möglichst geringen Bewirtschaftungskosten aufgehen und gedeihen. Saatgut ist teuer und je mehr Ertrag ich per Hektar einfahre, umso weniger Land muss insgesamt bebaut werden. Intensiv-Wirtschaft heißt dieses System. Möglichst wenig Verlust bei möglichst viel Gewinn – das ist das Ziel!

 

Das Gleichnis Jesu bevorzugt eine andere Landwirtschaft.

In Palästina wurden die Böden nicht erst vorbereitet und dann besät (...wie in unserer hoch-technisierten Landwirtschaft), sondern zuerst wurde gesät.

Dann pflügte man die Saat unter.

Da gab es einen Trampelpfad über das Feld, da wuchsen Dornen in einer Ecke, da flatterten Vögel herum und beim Pflügen merkte man: Oh hier liegen ja Kalkfelsen knapp unter der Humusschicht!

Doch es lohnte sich, zuerst alles auszusäen und dann erst zu pflügen. So spart man keine Saatkörner, aber so bearbeitet man mit einem erträglichen Kraftaufwand am schnellsten den Acker. Arbeit, das hieß Einsatz von Menschenkraft.

Den Pflug zog der Landpächter oft selbst. Mit zwei Arbeitsgängen war die Saat 1.) ausgesät, 2.) sicher im Boden und 3.) konnte sie nun wachsen. Saatgut war der Rest der letzten Ernte, und kostete so vor allem etwas Sparsamkeit über das Jahr hinweg.

Die Saatgutverschwendung dieses System zahlt sich aus: es wächst vielleicht nicht überall was, einige Körner werden umsonst ausgesät, aber der Acker bringt als Ganzes an genug anderen Stellen ausreichend Frucht. So rechnen sich Aufwand und Ertrag!

 

2. Werben ist wie Saatgutverschwendung...

 

Zumindest ein Wirtschaftsbereich arbeitet auch heute so wie die Bauern zur Zeit Jesu: die Werbeindustrie! Sie bekommen vielleicht wöchentlich ein Paket mit einem kostenlosen Stadtanzeiger und vielen Prospekten der lokalen Geschäfte. Einige tausend Zeitungen werden da Woche für Woche gedruckt und umsonst verschenkt. Was für eine Verschwendung und welchen ökologischen Preis bezahlen wir für dieses viele umsonst bedruckte Papier!

Aber nur wenige Werbemedien kommen so nahe an uns Kunden heran, wie diese bunten Prospekte. Sie liegen in der Küche herum, bis sie im Altpapier landen. Sie liegen im Treppenhaus und man schaut mal kurz, ob es ein interessantes Angebot gibt. Sie liegen an der Kasse aus und ich plane schon mal den nächsten Einkauf. Die Werbebranche hat eine Faustregel: etwas mehr als die Hälfte der Kosten einer Werbeaktion sind umsonst ausgegeben, aber keiner weiß, welche Hälfte!

 

So geht es auch im Reich Gottes zu:

an vielen Stellen wird Gottes Wort gepredigt, weitergesagt, reden Menschen über ihren Glauben, lesen Menschen einen Bibelvers, ein frommes Buch oder eine Zeitungsandacht oder sehen einen Fernsehgottesdienst, und gute Nachricht wird "ausgesät“. Doch wer kann sicher sagen, bei wem diese Nachricht letztlich ankommt und ernst genommen wird?

Schon zu Jesu Zeiten und regelmäßig in der Tradition der Kirche versuchte man das Geheimnis zu lösen, wie man effektiver und mit mehr Erfolg das Wort Gottes weitergeben kann. Die Idee der Intensivwirtschaft für kirchliche Evangelisationsarbeit haben wir uns nicht von der modernen Landwirtschaft abgeguckt. Immer schon fragte man sich, wie Verluste in den kirchlichen Aktivitäten vermieden werden können. Die Evangelisten ergänzen in ihren Berichten zu mindestens einige Erklärungen, warum die Saat auch im geistlichen Ackerbau nicht in allen Herzen die gleiche Frucht bringt:

11 Das Gleichnis bedeutet Folgendes: Die Saat ist das Wort Gottes. 12 Bei einigen, die es hören, ist es wie mit der Saat, die auf den Weg fällt. Der Teufel kommt und nimmt das Wort wieder aus ihrem Herzen weg, sodass sie nicht glauben und daher auch nicht gerettet werden. 13 Bei anderen ist es wie mit der Saat, die auf felsigen Boden fällt. Wenn sie das Wort hören, nehmen sie es mit Freuden auf. Aber sie sind wie Pflanzen ohne Wurzeln; zunächst glauben sie, doch wenn eine Zeit der Prüfung kommt, wenden sie sich wieder ab.14 Wieder bei anderen ist es wie mit der Saat, die ins Dorngestrüpp fällt. Sie hören das Wort, doch im Lauf der Zeit wird es von den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden, die das Leben bietet, verdrängt, sodass keine Frucht reifen kann. 15 Bei anderen jedoch ist es wie mit der Saat, die auf guten Boden fällt. Mit aufrichtigem und bereitwilligem Herzen hören sie das Wort; sie halten daran fest, lassen sich nicht entmutigen und bringen Frucht.«(Lukas 8, 11-15 nach Neue Genfer Übersetzung)

 

Versuchen wir, diese Sätze für uns zu übersetzen:

  • Die gute Nachricht auf dem Weg wird weggepickt und aufgebraucht von den Dingen, die ihre Energie von uns fordern. Das kann der Beruf, der wirtschaftliche Erfolg, ein Hobby oder eine besondere kulturelle Leidenschaft sein. Der Samen kann sich gar nicht erst entwickeln und eine kräftige neue Pflanze keimen lassen.

  • Gute Nachricht auf Felsengrund bleibt wurzellos. Durch traumatisierende Erlebnisse oder negative Erfahrungen hat ein Mensch sich seelisch verkapselt und lässt nichts und niemanden mehr an sich heran. Da kommt nichts mehr an, weil die eigene Seele nicht mehr die Kraft hat, das Neue innerlich wachsen zu lassen.

  • Gute Nachricht unter die Dornen wird überwachsen und überwuchert von den Glücksbringern. Da hat etwas ganz schnell eine Wirkung, gedeiht und sieht gut aus, aber erstickt das an guten anderen Entwicklungen, weil es sich schneller und eindrücklicher entwickelt.

 

Doch das ist nicht das Thema Jesu in dieser Geschichte. Er gibt einige dürre Erklärungen, warum es mit dem Glauben nicht klappt. Sein Thema ist, das die Saat aufgeht.

Dass so viel umsonst ausgesät wird, ist oft unser Thema.

Man würde gern (mehr!) Erfolg und Früchte in der Arbeit sehen. Das tut uns im Privaten, im Beruf und auch in der Kirche gut. Man investiert viel Zeit und Geld über die Jahre und fragt sich, was daraus wird. Wächst denn das Himmelreich tatsächlich unter uns in der Gemeinde?, fragen wir einander.

Das Thema Jesu ist:

Glaube wächst, wenn verschwenderisch ausgesät wird.

Nicht das Ergebnis soll uns beschäftigen, sondern die Frage, wie wir die Feldarbeit gut bewältigen. Trotz der Misserfolge wird im Reich Gottes immer noch genug wachsen


3. Wie wirtschaften wir - sparen wir an der Saat

oder setzen wir alles auf einen guten Gesamtertrag?

 

Einige Fragen, damit die Impulse des Gleichnis konkreter werden:

Wie sieht unser Ackern im Reich Gottes als Einzelne und als Gemeinde aus:

  • Machen wir es so wie die modernen Bauern – intensiv und gezielt – ...

  • oder wie die Alten: das Ergebnis rechtfertigt die Verschwendung der Saat?

Wir können nachrechnen, was dieser oder jener Einsatz in der Gemeinde uns bringt, oder wir geben einem weiten Herz Raum, das sich auch an der Arbeit freut, wenn nicht gleich das sichtbare Ergebnis da ist. Die Zukunft der Kirche braucht immer wieder mal eine Verschlankung in der Verwaltungsarbeit oder bei der Organisation, um effizienter und direkter Menschen zu erreichen, aber sie braucht vor allem die Eigendynamik der Botschaft, durch die Gott selbst wirkt.

Ab und zu spürt man diese Eigendynamik, die die Saat des Gotteswortes entfaltet.

Ich plante vor einigen Jahren, mit den wenigen mir bekannten jungen Menschen in der Gemeinde zum Bundesjugendtreffen (BUJU) zu fahren. Ein PKW mit drei Leuten hätte da reichen können.

Doch dann zog das BUJU seine Kreise. Jemand nahm seine Freundin mit, die nahm ihre Freundin mit, die wollte ihren Freund mitnehmen und aus der Nachbargemeinde fehlte auch jemandem noch ein Sitzplatz. Am Ende fuhren wir mit einem vollbesetzen Kleinbus zum BUJU.

Hat das was gebracht, haben einige danach gefragt? Die Antwort ist schwierig. Einige der Kids habe ich danach nie wieder gesehen. Andere halten auch nach 10 Jahren noch losen Kontakt zu mir. Andere besuchten einen Taufkurs und ließen sich in die Mitgliedschaft der Kirche aufnehmen.

Das Gleichnis Jesu löst bis heute Widerspruch aus: soll die Arbeit der Gemeinde, die große Aufgabe der Evangelisierung dieser Welt, einfach so verschwenderisch und umsonst für jeden sein, ohne Eintritt oder sonstige Verpflichtung für die Kunden?

Ja, sagt Jesus. Gottes Gute Nachricht soll nicht nur unter den Stammabonnenten verteilt werden, wo der Boden gesund und viel versprechend wirkt, sein Wort soll überall verteilt werden und soll in jedes Haus kommen.

"Solch‘ eine Verschwendung“, sagen wir.

"Die Saat wird hundertfach Frucht bringen“, sagt Jesus.

 

Amen.

 

Haben Sie Rückfragen oder möchten Sie einen Gedanken der Predigt noch weiter im Gespräch vertiefen? Wenden Sie sich an mich über eine der unten genannten Kontaktmöglichkeiten,

 

Ihr Günter Loos!

 

 

Pastor Günter Loos

Büro Detmold: Mühlenstraße 16 / 32756 Detmold / Tel.: 05231-23297

od.: 0176 – 239 236 20 / e-mail: guenter.loos@emk.de / home-office: 05232-9805270

 

 

1 Godly Play (deutsche Entsprechung: Gott im Spiel) ist eine Art der religiösen und spirituellen Bildung für Kinder, aber auch für Jugendliche und Erwachsene geeignet, und basiert auf der Montessori-Pädagogik. Mithilfe von vorgefertigten Figuren und Gegenständen aus Holz, Filz und anderen Materialien werden Geschichten der Bibel und Themen zu Kirche und Religion bildlich erzählt. Die Entwicklung von Godly Play begann in den USA. Jerome Berryman, ein Pfarrer der Episkopalkirche und in der Montessori-Pädagogik ausgebildet, testete sein Konzept im Gemeindedienst und in Einrichtungen mit Kindern. Seit Anfang der 1990er Jahre kann dieses Konzept in Theorie und Praxis nachgelesen werden, seit 2006 erschienen deutsche Übersetzungen. (Wikipedia, Fassung Feb. 2021)

 

 

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                                    Den Anderen sehen…                                         

                        Predigtimpulse zu 2. Petrusbrief 1,16-19

                     für den letzten Sonntag nach Epiphanias 2021

 

 

Liebe Lesende,

 

 

   

 

die Schneekristalle, die den Grashalm umschließen, entdeckt man erst, wenn man ganz nahe ran geht oder das Teleobjektiv an der Kamera nutzt. Auf den ersten Blick übersehen wir die kleinen Schönheiten um uns her und ein gutes Foto hilft, das Andere zu entdecken, was wir übersehen haben. Der methodistische Pastor und Fotograf Philip J. Richter schreibt als Prediger davon, wie ihm Bilder helfen, biblische Texte neu zu sehen, und wie ihn seine pastorale Arbeit anregt, anders und geistlicher zu fotografieren.1 Den Bilder zu entdecken und zu sehen braucht Aufmerksamkeit, Geduld und immer wieder auch unsere geistliche Sensibilität, damit das, was uns anrühren will, nicht übersehen wird.

 

Mit dem Blick der geistlichen Bild-Entdeckenden müssen wir, wie schon Brieflesende vor 2000 Jahren, auf die besonderen Dinge achten, die der Text im 2. Petrusbrief in uns wachruft.

Der Autor dieser Sätze gibt uns eine Hilfe mit auf den Weg, wie man seine Worte lesen darf: sie sollen wie „…eine Lampe (sein), die an einem dunklen Ort scheint.“(V.19):

 

(2. Petrusbrief, Kap.1, 16-19) 16 Denn wir haben uns nicht etwa auf klug ausgedachte Geschichten gestützt, als wir euch ankündigten, dass Jesus Christus, unser Herr, wiederkommen und seine Macht offenbaren wird. Nein, wir haben seine majestätische Größe mit eigenen Augen gesehen. 17 Wir waren nämlich dabei, als er von Gott, dem Vater, geehrt wurde und in himmlischem Glanz erschien; wir waren dabei, als die Stimme der höchsten Majestät zu ihm sprach und Folgendes verkündete: »Dies ist mein geliebter Sohn; an ihm habe ich Freude.« 18 Wir selbst haben die Stimme gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren – diese Stimme, die vom Himmel kam. 19 Darüber hinaus haben wir die Botschaft der Propheten, die durch und durch zuverlässig ist. Ihr tut gut daran, euch an sie zu halten, denn sie ist wie eine Lampe, die an einem dunklen Ort scheint. Haltet euch an diese Botschaft, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns es in euren Herzen hell werden lässt. (Neue Genfer Übersetzung)

 

1. Der direkte Zugang ist verloren gegangen…

 

Als die Ersten diese Briefsätze lasen, waren schon einige Jahre seit dem Osterwunder in Jerusalem ins Land gezogen. Von denen, die Jesus noch selbst getroffen hatten, lebte niemand mehr und die besondere Spannung, nun unmittelbar bei etwas ganz Neuem dabei zu sein, war der Routine in den Treffen als Christen gewichen. In vielen Bemerkungen, die wir in den späteren Briefen des Neuen Testaments finden, spürt man das Ringen der Gemeinden damit, wie man geistlich lebendig bleiben kann, wenn der direkte Zugang zu Jesus, wie ihn die Jünger und Geschwister um Jesus erlebt hatten, nicht mehr da ist und der Glaube tragen muss, was andere früher im Mit-Leben mit Jesus an Trost und Hoffnung gefunden hatten.

Doch der Glaube der späteren Christen baute auch einen neuen Zugang zu dem ganz Anderen, dem wir bis heute in Jesus begegnen. Im Gebet und geistlichen Gespräch mit Christus als dem Herrn seiner Kirche hört man Antworten auf eigene Fragen und erlebt den inneren Frieden, wo die eigene Seele unruhig und suchend ist.

Christus ist lebendig in seiner Gemeinde, doch immer wieder stellte jemand die Frage, ob das mit der Wiederkunft Jesu und der Erlösung, die uns dann erwartet, noch stimmen kann. Die Antwort dieser Christen ging in die Richtung: Wir erleben doch nun schon so viel Glaubenserhörung und spüren die Macht des Heiligen Geistes unter uns, warum hoffen wir noch auf etwas, was so wohl doch nie kommen wird? Unsere eigene tiefe Frömmigkeit muss das am Leben erhalten, was früher in der Gegenwart Jesu in Heilungen und Predigten von selbst passiert ist.

 

An dieser Stelle meldet sich der 2.Petrusbrief zu Wort:

Nicht unsere Geistlichkeit kann den lebendigen Christus in unserer Mitte ersetzen, sondern allein das Vertrauen darauf, dass sich Christus in dieser Welt sichtbar macht und wir mit dem Blick des Glaubens diese Herrlichkeit und den himmlischen Glanz seiner Gegenwart entdecken können.

 

Der Briefschreiber erinnert an die Begegnung der drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mit Jesus auf einem Berg, wo für einen Augenblick Jesus in einem besonderen Licht leuchtete und sie Mose und Elia bei ihm stehen sahen. Die Evangelisten sind sich in ihren Erzählungen einig, dass die drei Jünger diesen Augenblick gerne festgehalten hätten, aber das verwehrte Jesus ihnen2.

Besondere Gottesbegegnungen und geistliche Erfahrungen gehören zum Alltag der Gemeinde, die mit ihrem Herrn unterwegs ist dazu, aber sie lassen sich nicht festhalten. Bevor der neue Himmel und die neue Erde für alle Welt Realität wird, tut man in den christlichen Gemeinden gut daran, sich an „…die Botschaft der Propheten, die durch und durch zuverlässig … zu halten“ (V19).

 

 

2. Den Anderen sehen…

 

Wir lesen diesen Text in einer Situation, wo man gerne das große Wunder erleben möchte und jetzt Worte braucht, die helfen, geduldig zu bleiben. Verschiedliche Firmen haben Impfstoffe und Medikamente in sagenhaft kurzer Zeit entwickelt, mit denen Menschen nachhaltig gegen das Corona-Virus geschützt werden können. Doch es wird noch Wochen und Monate brauchen, bis wir und viele andere davon profitieren können.

 

Einige in der Gemeinde warten auf den Neuanfang in ihrem Gewerbe, wo seit Monaten schon nichts mehr läuft. Andere hoffen auf das Wiedersehen mit Freunden, Enkeln und den Kindern. Die Gottesdienste fehlen uns, und wann können wir wieder laut und aus tiefer Seele gemeinsam Gott loben und preisen?

 

Appelle und Verbote helfen allein nicht, in diesen Wochen geduldig zu bleiben .

Es braucht die Bilder und Gespräche, um durchzuhalten.

Wir fangen in diesen Wochen an, mit Videokonferenzen in den Gemeinden zu experimentieren. Das braucht viel Übung und Hilfe, bis ein Bild von den anderen auf dem eigenen Computerbildschirm erscheint. Für viele braucht es auch noch die richtigen technischen Geräte. Aber es hat auch schon was geklappt und plötzlich redet man ein paar Sätze miteinander, wie wenn man sich nach dem Gottesdienst beim Kirchenkaffee unterhält.

Die Sätze aus dem Petrusbrief nehmen das sehr ernst, dass vielen die Geduld in geistlichen Dingen verloren geht und sie innerlich anfangen, an Gottes Güte zu zweifeln. Doch der Brief erinnert uns auch daran, die geistlichen Bilder, die einem geschenkt werden, nicht zu übersehen.

Wie damals die drei Jünger Unglaubliches sehen konnten und dann wieder in den Alltag zurück gingen, so sind wir eingeladen, die Wunder um uns her zu sehen, die Berichte davon zu glauben und uns ermutigen zu lassen, um im Alltag durchzuhalten.

Und: auch unserer Nachbarn und die, mit denen wir über Telefon und Briefe verbunden sind, brauchen es, dass wir ihnen von dem Anderen – von Christus – erzählen, der bei uns ist und uns in Bildern und Worten begegnet.

Denn Mut macht, wo wir sicher sein können, nicht allein in diesen Tagen unterwegs zu sein.

Ich bin bei Euch alle Tage“, so endet das Matthäusevangelium3 seine Geschichte davon, wie Jesu, gelebt hatte, und schenkt damit die Hoffnung für die Zeit, in der wir nun mit Christus leben können.

 

Amen.

 

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Ihr Günter Loos!

 

Pastor Günter Loos

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1 Philip J. Richter, Spirituality in Photography. Taking pictures with deeper vision, Darton-Longman&Todd 2017

2 Siehe Matthäus 17,1-8, Markus 9, 2-29 und Lukas 9, 28-36

3 Matthäus 28, 20b

 

 

 

                              „Ich komme mit“                                                1

                              Predigtimpulse zu Rut 1,1-19

                     für den 3. Sonntag nach Epiphanias 2021

 

 

Liebe Lesende,

 

Die Geschichte von Rut, die als Witwe und Flüchtling sich auf den Weg in eine neue Heimat macht, löst Bilder in mir aus:

  • Frauen und Männer haben sich in Honduras zu Fuß auf den Weg gemacht, um im Norden Amerikas Arbeit und Brot zu finden, und werden an der Grenze vom Militär angegriffen;

  • Alte und Junge Menschen sitzen auf der griechischen Insel Lesbos im Regen in ihren überschwemmten Zelten und warten darauf, dass ihre Odyssee auf der Suche nach einer neuen Heimat endlich vorbei ist.

  • Aber auch diese Erinnerung gehört für mich zu dieser Bibelgeschichte: meine Tante erzählte sehr eindrücklich von ihrer Flucht als junges Mädchen aus dem Umland von Berlin Richtung Westen während die russischen Truppen Berlin 1944 vom Osten her angriffen.

Die Geschichte der Rut ist ruhiger erzählt, als die Geschichten, die Sie und ich vielleicht im Kopf haben, wenn wir an Menschen auf der Flucht denken, aber es sind immer Geschichten von Menschen, die alles riskieren für ihre Hoffnung. Und oft bleibt Ihnen nur der Glaube, dass ein Anderer ihnen helfen wird, damit sich Hoffnungen erfüllen.

 

 

Der Bibeltext: Ruth, 1-19a

 

 

1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. 2 Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort.

 

 

3 Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. 4 Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann. 6 Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte.

 

7 Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern:

 

 

Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der HERR tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9 Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause!” Und sie küsste sie.”

 

Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10 und sprachen zu ihr: “Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.”

11 Aber Noomi sprach: “Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? 12 Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, 13 wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand hat mich getroffen.”

14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr.

15 Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.”

16 Rut antwortete: “Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.”

18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. 19 So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen. (Luther 2017)

 

1. „Kehr Doch um“ (V.8)

 

Diesen Satz scheinen zu allen Zeiten die zu hören, die sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen: Bleib wo Du bist, geh wieder zurück, such Dein Glück dort, wo Du das Leben kennst und wo Du herkommst.

 

Wenn wir in unserer Wohngemeinschaft in der Detmolder Mühlenstraße vor einigen Jahren miteinander aßen, Probleme besprachen und die deutsche Sprache übten, dachte ich das auch: wie wollt ihr hier in diesem fremden Land eine Zukunft finden? Zuhause seid ihr in eurer Familie verwurzelt, ihr sprecht die Sprache und wisst, wie die Dinge zu regeln sind. Hier in Deutschland ist alles fremd.

Inzwischen haben Baran, Selamawit und Naszreth aus dem eritreischen Hochland angefangen, ihren Platz in diesem fremden Land zu finden. Der älteste Bruder schließt in diesen Wochen seine Ausbildung als Altenpfleger in der Diakonis-Einrichtung ab, seine nächst jüngere Schwester hat einen jungen Mann aus Eritrea geheiratet und ihre Hochzeitsfeier in Lage ausgerichtet. Sie lässt sich als wie ihr Bruder zur Altenpflegerin ausbilden. Aus dem Nesthäkchen, die als 16jährige mit einem Flüchtlingsboot nach Italien kam, ist eine selbstbewusste junge Frau geworden, die sich in Detmold um ihre Ausbildung kümmert und für die die Coronabeschränkungen so ärgerlich für den Lebensalltag sind wie wohl für alle jungen Leute in ihrem Alter.

 

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht zu sehen ist: in der Regel können viele nicht mehr umkehren, wenn sie sich erst mal auf den Weg gemacht haben. Der Krieg, der in den vergangenen Wochen im äthiopischen Norden geführt wurde, fand unmittelbar in der Nähe der Region statt, in der Baran, Selamawit und Naszreth als Kinder groß geworden sind. Tigray, ihre Heimat, ist eine umkämpfte Region im Osten Afrikas und die autoritäre Politik in Eritrea hat über Jahrzehnte die Konflikte verschärft und das Leben unsicherer gemacht. Woanders liegt die Zukunft, (noch) nicht in der geliebten Heimat im Osten Afrikas für die junge Generation des Landes.

 

Die Schwiegermutter weiß, auf was auf die junge Witwe Rut zukommt, wenn sie als Ausländerin in Israel sesshaft werden will. Sie wird immer die Andere bleiben, die hier nicht geboren ist, die einen fremden Akzent hat und die auch einen anderen Glauben mitgebracht hat.

Die eine Schwiegertochter folgt dem Rat der älteren Naomi und geht zurück, Rut wehrt sich gegen diesen Ratschlag und bleibt bei ihrer Schwiegermutter. Wir kennen nur die eine Geschichte und die hat am Ende durch Gottes Hilfe, viele Wunder und die Liebe von Boas, einem Bauern in Israel, für Rut ein Happy-End gehabt. Die Geschichte von Ophra kennen wir nicht und wir können nur spekulieren, was aus ihr am Ende geworden ist.

 

2. „Wo Du hingehst, will auch ich hingehen.“

 

Mit diesem Satz ist Rut berühmt geworden. Viele Hochzeitspaare haben für ihre Ehe diese Worte Ruts als Orientierung für sich gewählt: „Ich verbinde meinen eigenen Weg mit dem Weg eines anderen Menschen, …und gehe nicht zurück.“

Rut ist mutig und hier zeigt sie, wie viel Mut und Glaube zu ihrer Fluchtgeschichte gehört. Ein Mensch weiß nicht, was ihn erwartet, aber er vertraut dem, der mit ihm unterwegs ist. Es gibt in der Geschichte keine Erklärung, warum Rut dieses Vertrauen in ihre Schwiegermutter Naomi gesetzt hat. Die Geschichte wird einfach erzählt und wir dürfen bis heute diese junge Frau und ihren Mut bewundern.

Der Schritt Ruts löste eine ganz andere Geschichte aus. Die Ausländerin aus Moab wurde zur Ur-ur-ur…Großmutter Davids und auch in den Ahnenreihen Jesu taucht ihr Name in den Evangelien auf. Die Entscheidung Ruts für das Leben in Israel, für ihre neue Familie und den Glauben an den Gott ihrer Schwiegermutter verändert die Geschichte Israels. Nicht der Stammbaum einer lupenreinen Abstammung prägt die Geschichte des berühmtesten Königs Israels, sondern die gelungene Geschichte eines Neuanfangs der Frau aus Moab in Israel.

Die Geschichte Israels ist voll von Fluchtgeschichten und bis heute gehört zum Grundbekenntnis Israels die Erinnerung an den Weg Abrahams quer durch den Vorderen Orient.2 Rut passt gut in diese Tradition des wandernden Gottesvolkes. Doch diese Geschichte des Unterwegs-seins als Volk Gottes ist immer auch die Geschichte von den wunderbaren Freiheits- und Segenserfahrungen, die Menschen auf diesem Weg mit ihrem Gott gemacht haben.

 

Da trifft die alte Geschichte wieder auf unsere aktuelle Gegenwart.

Wir können in den kommenden Wochen nicht einfach auf unserem Weg weitergehen. Monate des Aussetzens des normalen Lebens und viele Tage des Lockdowns liegen hinter uns. Wollen wir einfach irgendwann im Laufe dieses Jahres an dem Tag weitermachen, vor dem Mitte März 2020 unser Land in den Corona-Modus geschaltet wurde? Oder wagen in der Tradition von Rut den Schritt in eine andere Zukunft?

Ich wünschte uns in diesen kommenden Monaten Menschen an unserer Seite, denen wir das sagen können: „Wie Du das nun machen wirst, so will ich es nun auch wagen“:

  • Freunde und Nachbarn, die nun einfach Feste organisieren, Reisen planen und zu Essen einladen, damit man sich wiedersieht;

  • Gemeinde-AufbauerInnen, die einfach sich und ihr Leben wieder der Arbeit Christi in dieser Zeit und Welt zur Verfügung stellen;

  • Lebens-Veränderer, die anders einkaufen, anders unterwegs sind und anders arbeiten, damit damit sich neue Verhaltensweisen im Umgang mit der uns von Gott anvertrauten geschaffenen Welt festsetzen können.

 

Ich habe ein Gebet gefunden, das Gott bittet, uns neu den Glaubensmut der Rut zu geben:

Wo du bist, Gott, zählen Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft nicht mehr.

Wo du wirkst, Gott, leben Menschen und Kulturen in aller Verschiedenartigkeit miteinander.

Wo du bleibst, Gott, verlieren Angst, Vorurteile und Hochmut ihre Macht.

Darum lass uns, Gott, immer wieder bei dir sein und mit dir leben. 3

Amen.

 

 

Pastor Günter Loos

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1 Marc Chagall hat 1960 das Buch Rut mit fünf Bildern illustriert. Hier sieht man die 1. Grafik „Naemi und ihre Schwiegertöchter“

2 5. Mose 26,5: Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten und wurde dort ein großes, starkes und zahlreiches Volk.

3 Sabine Winkler, in „Beten“, hg. vom Landesjugendpfarramt der Ev.-luth. Landeskirche Hanover,2000, Nr.3.13

 

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                                 Eine Hochzeitsgeschichte                                      

 

                          Predigtimpulse zu Johannes 2, 1-11

 

                      für den 2. Sonntag nach Epiphanias 2021

 

 

Liebe Lesende, lieber Leser

 

Hat Sie in der letzten Zeit eine Geschichte gepackt?

Wenn so etwas passiert, dann muss man den Film bis zum Nachspann ansehen oder man braucht man Zeit für ein nächstes Kapitel und übernächsten Kapitel.

Es liegt bei einer gut erzählten Geschichte oft gar nicht am Genre, in dem sich das Geschehen entwickelt.

Ein gutes Abenteuer muss so lebendig, überraschend und einfühlsam erzählt werden, dass man als Zuhörer mit den Heldinnen und den Helden mitfiebert und am Ende tief ausatmet, wenn alles vorbei ist.

Bis in einer packenden Liebesgeschichte der letzte Satz gelesen ist, gehen wir mit ihm und ihr durch das Wechselbad unserer eigenen Gefühle. Wir verzweifeln an der Tragik im Leben des Anderen, die keinen Raum für Veränderungen oder Offenheit lassen, und freuen uns an dem Wunder der Liebe, die möglich macht, was am Anfang unmöglich schien.

Natürlich ist auch ein Krimi kein Garant für ein sicheres Lesevergnügen, aber wenn man von Szene zu Szene, von Kapitel zu Kapitel innerlich immer mehr Teil des Ermittlerteams wird und bewundernd denkt, auf diesen letzten Winkelzug wäre ich nie gekommen, dann hat die Geschichte funktioniert.

Die Geschichten Jesu brauchen ihre Erzähler, die mit Engagement und Liebe zur Sache Andere packen wollen mit dem, was sie aufgeschrieben haben.

In vielen Kirchen drückt man die Hochachtung für diese Künstler,

Die Evangelisten schließen seit vielen seit Generationen eine Tür zu dem auf, was in der Tiefe vieler Episoden von Jesus zu entdecken ist. In vielen Kirchen drückt man die Hochachtung für diese Künstler in vier Symbolen aus.

Man sieht den Engel oder den Menschen, der an den Evangelisten Matthäus erinnert, den Löwen, der für den Evangelisten Markus steht, den Stier für Lukas und den Adler, der dem Evangelisten Johannes zugeordnet wird.1 Mit ihrem ganz eigenen Blick auf die Berichte, die sie von Jesus kannten, setzen die Evangelisten ihre Akzente und führen ihre Leser an die Stellen, wo für sie selbst die Entscheidung gefallen sind: diesem Jesus will ich glauben und ihm will ich nachfolgen.

Der Evangelist Johannes ist der Prediger unten den Jesusbiographen. Er nimmt sich Zeit für einzelne Episoden und findet klare Worte, wie ein Wunder Jesu zu verstehen ist. Doch er kümmert sich in seinem Erzählen auch darum, dass man gut in eine Geschichte reinkommen kann und Platz für eigene Beobachtungen hat. Ganz am Anfang seines Evangeliums erzählt Johannes von einer Hochzeit…:

 

1 Zwei Tage später wurde in dem Dorf Kana in Galiläa eine Hochzeit gefeiert. Die Mutter von Jesus war dort, 2 und auch Jesus hatte man mit seinen Jüngern eingeladen.

3 Als während des Festes der Wein ausging, sagte seine Mutter zu ihm: »Es ist kein Wein mehr da!« 4 Doch Jesus antwortete ihr: »Es ist nicht deine Sache, mir zu sagen, was ich tun soll! Meine Zeit ist noch nicht gekommen!« 5 Da sagte seine Mutter zu den Dienern: »Was immer er euch befiehlt, das tut!«

6 Nun gab es im Haus sechs steinerne Wasserkrüge. Man benutzte sie für die Waschungen, die das jüdische Gesetz verlangt. Jeder von ihnen fasste 80 bis 120 Liter. 7 Jesus forderte die Diener auf: »Füllt diese Krüge mit Wasser!« Sie füllten die Gefäße bis zum Rand. 8 Dann ordnete er an: »Nun bringt dem Mann, der für das Festmahl verantwortlich ist, eine Kostprobe davon!« Die Diener befolgten seine Anweisungen.

9 Der Mann probierte das Wasser: Es war zu Wein geworden! Er wusste allerdings nicht, woher der Wein kam. Nur die Diener wussten Bescheid. Da rief er den Bräutigam zu sich 10 und hielt ihm vor: »Jeder bietet doch zuerst den besten Wein an! Und erst später, wenn die Gäste schon betrunken sind, kommt der billigere Wein auf den Tisch. Aber du hast den besten Wein bis jetzt zurückgehalten!«

11 So vollbrachte Jesus in dem Dorf Kana in Galiläa sein erstes Wunder. Er offenbarte damit zum ersten Mal seine göttliche Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.

(Johannes 2, 1-11 nach: Hoffnung für Alle)

 

1. Zurückhaltung…

 

Jesus will noch nicht, aber man ahnt, das wird sich noch ändern. Der Evangelist Johannes fängt seine Hochzeitsgeschichte mit einem ernstzunehmenden Streit an: Maria, die hier keinen Namen hat und nur in ihrer Stellung als Mutter Jesu auftaucht, bringt die Geschichte in Gang. Sie stichelt und diskutiert mit ihrem Sohn: „Sieh doch, hier gibt es keinen Wein mehr!“

Doch Jesus weist sie schroff zurück: „Du hast mir hier nichts zu sagen und meine Zeit, hier etwas zu tun, ist noch nicht da.“ Doch, Jesus, so hört man Johannes beim Schreiben im Stillen sagen, hier ist genau der richtige Augenblick, um zu zeigen, wer Du bist.

Maria kennt wohl diesen Konflikt bei Jesus, der sich zurückhalten will mit dem, was ihm von Gott anvertraut ist. Auch sie schaltet einen Gang zurück und ermahnt die Mitarbeiter bei der Feier, einfach zu warten, bis ihr Sohn anfangen wird, etwas zu tun.

So nebenbei bringt unsere Hochzeitsgeschichte ein Thema ans Licht, was viele kennen, die im Glauben ihren Weg gehen:

wann ist der richtige Zeitpunkt, den Glauben ins Spiel zu bringen?

Wird es nun peinlich, wenn ich davon erzähle, wie ich eine Sache sehe, weil ich an Gottes liebende Gnade glaube?

Oder sollte ich warten, bis ich durch Anfassen und Mithelfen zeigen kann, dass mein Glauben nicht nur eine Überzeugung, sondern eine Grundhaltung in meinem ganzen Leben ist?

Jesus hält sich zurück und braucht das mahnende Wort Marias, um sich überhaupt dem offensichtlichen Problem vor Ort zu stellen. Das hätte man so von Jesus nicht erwartet, aber der Evangelist Johannes lässt diese Reaktion Jesu nicht unter den Tisch fallen.

Das lässt bis heute Raum für das eigenes Suchen und Fragen:

Herr, soll ich mich hier engagieren oder gibt es einen anderen Ort, wo Du mich mit meinen Begabungen gebrauchen kannst?

 

2. Aktion…

 

Der erzählende Evangelist hatte es zwischen den Zeilen schon durchschimmern lassen: natürlich wird Jesus hier nicht passiv bleiben und über die für alle sichtbare Not hinweg gehen.

Doch die Reaktion Jesu ist still und unspektakulär.

Ein großer Magier hätte sich für das Wunder eine Bühne gesucht, viele Worte gemacht und die Spannung aufgebaut, ob denn am Ende wirklich neuer Wein in den Krügen zu haben ist.

Jesus nimmt, was da ist. Wasser fand sich noch genug im Brunnen. Nur Wasser, mehr brauchte es nicht.

Wenn Jesus mit seinen Wundern zeigt, dass mitten unter uns Gottes andere Welt sichtbar werden will, dann gibt es nichts, was alltäglich genug wäre, um nicht die Macht Gottes zeigen zu können.

Hier ist es das Wasser, was nicht nur zum Wasser des Lebens wird, sondern am Ende zum köstlichen Festwein. An anderer Stelle weckt Jesus im Namen Gottes Menschen aus dem Schlaf auf, die nach menschlichem Urteil gestorben waren. Ein Blinder bekommt eine Creme mit Sand und Erde vom Wegesrand auf seine Augen gesalbt und kann wieder sehen. Oft ist es nur ein Wort Jesu und Menschen werden gesund.

Jesu Aktion macht Gottes Gegenwart dort sichtbar, wo wir mit den eigenen Augen nur auf unsere Möglichkeiten sehen. Gott will nicht das Fest des Lebens abbrechen und begrenzen, sondern wie bei den tagelangen Hochzeitsfeiern damals in Israel üblich, freut Gott sich mit, wo Menschen das Leben in seiner ganzen Fülle feiern können.

Darum gibt es am Ende nicht nur einige wenige Tropfen guten Weins, sondern bis an den Rand sind die Krüge wieder gefüllt, weil wir mit dem Schöpfer des Himmels und der Erde immer wieder dieses Leben feiern sollen.

 

3. Überraschung…

 

Zur eindrücklichsten Szene, die Johannes in dieser Geschichte erzählt, gehört sicher das verdatterte Gesicht des Weinexperten, der nicht glauben kann, was er da gerade kostet. „Das ist ein Spitzenwein!“, sagt er in seiner Überraschung, „wo habt Ihr den so lange versteckt!“

Viele Wunder Jesu berichten von überraschten Menschen. Denn Überraschungen gehören zum Mittel der Wahl, wenn Menschen Gott begegnen. Mein anleitender Pastor machte mir vor vielen Jahren Mut, in Gottesdiensten Überraschungen einzuplanen, damit man nicht die Sensibilität dafür verliert, wie Gott uns begegnet.

Begegnungen mit Gottes Möglichkeiten und seiner Liebe sind nicht planbar und in den Terminkalender einzutragen. Sie geschehen und brauchen unsere Offenheit, sie geschehen zu lassen.

Hier ist es das Wasser, was den Sommelier zum Schwärmen bringt. An anderem Ort singt der Chor sein Lied, und von jetzt auf gleich sind alle gepackt von dem, was ihnen da zugesungen wird. Ein Operationsteam tut die Arbeit, der es sich schon unzählige Male gestellt hat, aber nun lernt man den Menschen kennen, der nach der Operation wieder ohne Schmerzen gehen kann oder dessen Herz wieder gleichmäßig schlägt.

Wir übersehen immer wieder nicht nur im Trubel eines Festes, sondern auch im Alltag der Sorgen, Ängste und Fragen die Zeit und den Ort, wo der Himmel seinen Platz hat mitten in meinem Leben. Nicht das Wunder, von dem Johannes erzählt, macht am Ende den Kern der Geschichte aus, sondern die Entdeckung, wie unerwartet nahe uns Gottes helfende Gnade ist.

 

Amen.

 

 

 

Pastor Günter Loos

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1 Die Kanzel findet sich im alten Kloster in Bologna . Bild: B.Braeske 2019

 

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                                    Gemeinsam…                                                     

                    

                      Predigtimpulse über Römer ,12, 1-8

                  für den 1. Sonntag nach Epiphanias 2021

 

Liebe Lesende,

 

vor 50 Jahren wurde mein Vater als Pastor in die Gemeindearbeit nach Ostfriesland geschickt. Damals prägte die Milchviehwirtschaft noch in vielen Familien den Alltag und es gab in der Neuschooer Gemeinde einen Abendmahlskonflikt, der sich nicht lösen ließ. Die Mitglieder zweier wichtiger Gemeindefamilien kamen schon lange Zeit wegen eines Streits zwischen den benachbarten Höfen nicht zum Abendmahl. Jede Familie besaß eine große Viehweide, die aneinander stießen. Doch zwischen den Feldern gab es nur eine Wasserstelle. Schon über Generationen hinweg war nicht zu klären gewesen, zu welchem Land das Wasser gehörte und für beide Herden reichte es damals noch nicht. Weil dieser Konflikt im Laufe der Zeit auch ganz andere Fragen zwischen den beiden Familien mit beherrschte, sah man in beiden Familien keine Möglichkeit, gemeinsam mit reinem Herzen an der Abendmahlsfeier in der Gemeinde teilzunehmen.

 

Der Bibelabschnitt in Römer 12, 1-8 sucht in seiner Zeit nach geistlichen Antworten, wie menschliche Konflikte und unterschiedliche Überzeugungen überwunden werden können, wenn Menschen im Namen Jesu Christi zusammenkommen:

 

1 Weil ihr Gottes reiche Barmherzigkeit erfahren habt, fordere ich euch auf, liebe Brüder und Schwestern, euch mit eurem ganzen Leben Gott zur Verfügung zu stellen. Seid ein lebendiges Opfer, das Gott dargebracht wird und ihm gefällt. Ihm auf diese Weise zu dienen ist der wahre Gottesdienst und die angemessene Antwort auf seine Liebe. 2 Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an, sondern lasst euch von Gott verändern, damit euer ganzes Denken neu ausgerichtet wird. Nur dann könnt ihr beurteilen, was Gottes Wille ist, was gut und vollkommen ist und was ihm gefällt.

3 In der Vollmacht, die mir Gott als Apostel gegeben hat, ermahne ich euch: Überschätzt euch nicht, sondern bleibt ehrlich und bescheiden im Urteil über euch selbst. Keiner von euch soll sich etwas anmaßen, was über die Kraft des Glaubens hinausgeht, die Gott ihm geschenkt hat. 4 Unser Körper besteht aus vielen Teilen, die ganz unterschiedliche Aufgaben haben. 5 Ebenso ist es mit uns Christen. Gemeinsam bilden wir alle den Leib von Christus, und jeder Einzelne ist auf die anderen angewiesen. 6 Gott hat jedem von uns unterschiedliche Gaben geschenkt. Hat jemand die Gabe bekommen, in Gottes Auftrag prophetisch zu reden, dann muss dies mit der Lehre unseres Glaubens übereinstimmen.

7 Wem Gott einen praktischen Dienst übertragen hat, der soll ihn gewissenhaft ausführen. Wer die Gemeinde im Glauben unterweist, soll diesem Auftrag gerecht werden.

8 Wer andere ermahnen und ermutigen kann, der nutze diese Gabe. Wer Bedürftige unterstützt, soll das gerecht und unparteiisch tun. Wer eine Gemeinde zu leiten hat, der setze sich ganz für sie ein. Wer sich um Menschen in Not kümmert, der soll es gerne tun. (Hoffnung für Alle)

 

 

 

1. Gemeinsam Gottesdienst feiern

 

Um einen Weg in die Gedanken von Paulus hinein zu finden, muss man wissen, wie sehr sein Bild vom richtigen Gottesdienst von der Praxis am Tempel und in den jüdischen Synagogen geprägt war. Er ist jüdisch erzogen worden und galt bis zu seiner Bekehrung zu Christus als ein besonders eifriger Verteidiger der jüdischen Tradition. Im Mittelpunkt des Tempelgottesdienstes in Jerusalem stand das Opfern von Tieren. Die altorientalischen Tempelzentren glichen oft mehr Viehmärkten, als Orten der Andacht und der Besinnung. Gottesdienst, so betont Paulus auch in unserem Bibelabschnitt, bedeutet, Gott zurückzugeben und ihm zu opfern, was sein ist und uns nur für eine Zeit anvertraut wird.

 

Im Gottesdienst in den Synagogen hatte das gemeinsame Lesen in den Schriften und das Beten seine zentrale Bedeutung, doch in unserem Text spielt für Paulus der Tempel die wichtigere Rolle.

 

Gemeinschaft entsteht unter Christen dadurch, so argumentiert er, dass jeder und jede für sich sein Leben als ein Geschenk von Gott annimmt und dieses Leben in Konsequenz für den (Gottes-)Dienst nutzt.

 

Dieser Anspruch, dass christliches Leben sich im Engagement für Gottes Sache im Sinne Jesu in gemeinsamer Arbeit und in der diakonischen und begleitenden Liebe für andere zeigt, ist bis heute ein Merkmal christlicher Gemeinde geblieben.

Ich gehe manchmal für mich die einzelnen Geschwister durch, die ich in Gottesdiensten regelmäßig sehe. Ich überlege, wo engagiert sich dieser Mensch für Andere oder für die Sache der Gemeinde. Es sind nur wenige, bei denen ich keine Antwort finde. Wir feiern unsere Gottesdienste, weil wir gemeinsam in einer Dienstgemeinschaft stehen.

 

2. Gemeinsam engagiert mit ganz verschiedenen Gaben

 

Das von Gott geschenkte Leben hat ganz sichtbare Formen für jeden von uns. Die eine entdeckt, wie gut sie Fussball spielen kann und ein anderer ist mit einer wunderbaren Stimme gesegnet. Einigen macht schwere körperliche Arbeit wenig aus, andere sind Expertinnen in der Lösung der filigranen, verzwickten Probleme. Niemand wird alles immer gleich gut können und darum steckt viel Weisheit und Lebenserfahrung darin, wenn Paulus seinen Gemeinden empfiehlt, trotz ganz unterschiedlicher Begabungen ihr Engagement für Christus gemeinsam zu leben.

 

Für die Gemeinden, an die Paulus seinen Brief schrieb, buchstabiert er diese Erkenntnis in Hinblick auf die bekannten kirchlichen Dienste hin durch (siehe V. 6-8): einige haben ein waches prophetisches Gespür und können mit ihren Gedanken andere geistlich stärken; andere haben ihre Aufgaben in der praktischen Arbeit in der Organisation der Gemeindetreffen oder der Verpflegung bei den Treffen; es gab beauftragte Menschen in der Gemeinde, die sich um die Fürsorge für andere kümmerten und auch leitende Ämter brauchten Menschen mit der Begabung, das Wohl aller in der Gemeinde im Blick zu haben und nicht nur parteiisch zu regieren.

 

Nur in dieser Vielfalt an Aufgaben, die gemeinsam angenommen und bearbeitet werden, nur in der Fülle der Beziehungen, die in dieser Gemeinschaft entsteht, zeigt sich der Geist Jesu, der Leib Christi in der Gemeinde.

 

3. Gemeinsam aufeinander angewiesen sein

 

In V.5 gehört zum Gedanken, mit vielen den lebendigen Leib Christi in dieser Welt abzubilden der Zusatz: „…jeder Einzelne ist auf den Anderen angewiesen.“ Martin Luther hat dies so übersetzt: …untereinander ist einer des anderen Glied.

 

Denn immer wenn es um heilige Dinge und Gottes Sache geht, scheint der Spaltpilz unter uns Menschen mitzuwachsen. Die eigenen Auslegungen und Erkenntnisse scheinen die kompromisslose Praxis zu brauchen, um nicht verfälscht zu werden. Da stören die, die auch in der Gemeinde die Dinge anders sehen. Nicht miteinander, sondern füreinander Mitglieder in der Kirche zu sein, bleibt auch heute eine Herausforderung, wenn man engagiert Gemeinde leben will.

 

Uns allen steckt vermutlich noch der Schrecken über die Erstürmung des US-amerikanischen Capitols in Washington durch einen wütenden Mob in dieser Woche in den Knochen. Nach vielen Jahren der neu aufgerissenen Gräben zwischen Ethnien, poltischen Überzeugungen, Arbeitslosen und Gut-Situierten, Akademikern und schlecht ausgebildeten Hilfskräften und … und … und… ist die Saat von Hass und Lügen aufgegangen und das Symbol der USA für Demokratie und Chancengleichheit für alle Menschen ist buchstäblich verwüstet worden.

 

Auch in unserer weltweiten Kirche erleben wir gerade diese Unversöhnlichkeit. Wenn es nicht mehr möglich ist, die unterschiedliche Überzeugungen zur Frage der Homosexualität gemeinsam zu (er-) tragen, zerfällt die Gemeinschaft.

 

Paulus hat keine Illusionen über die Konflikte und das Konfliktpotential in den Gemeinden. Jedoch ist er ist davon überzeugt, dass der Dienst, den von Christus berührte, berufene und veränderte Menschen in dieser Welt als Gemeinde Christi tun, vom füreinander um Christi Willen geprägt ist.

 

Darum gehört für mich zu den Gedanken, wie wir gemeinsam als Gemeinde und Christen in diese Welt leben können, das Wort aus 2. Korinther 5, 20 dazu: …Versöhnt Euch mit Gott!

Denn wer seinen Konflikt mit Gott in Christus überwunden hat, kann auch Versöhnung mit dem Bruder und der Schwester, die die Dinge ganz anders sehen und praktizieren, leben.

 

Beten Sie mit für eine solche Gemeinschaft versöhnter Menschen auch in unseren Gemeinden.

 

Amen.

 

 

 

Lage / Detmold, den 09.Januar 2021

 

 

Pastor Günter Loos

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                          Predigt über Matthäus 2,1-12 zum Christfest 2020                                 

 

           

                        Reisende folgen dem Stern                                       

 

Lieber Leser, liebe Leserin,

fast überall habe ich es in diesen Tagen gehört oder auch gelesen: wir bleiben in diesem Jahr Zuhause. Es ist nicht die Zeit, um sich in größeren Familiengruppen zu treffen oder das neue Jahr mit einem Urlaub in den Bergen oder im Ferienhaus zu beginnen. Doch zu diesem Sonntag nach Heiligabend gehört die Geschichte von den drei Wissenschaftlern, die sich auf die Reise gemacht haben, um – wie es das nebenstehende Bild unterschreibt – „das (himmliche) Geschenk der Hoffnung“ zu sehen. Am Heiligabend lassen wir uns von der mitmenschlichen, familiären Erzählung des Lukas in der Krippenszene faszinieren, aber zu den Texten der dann beginnenden Weihnachtszeit gehört der Ausblick darauf, wie global und universal diese Szene im Stall in letzter Konsequenz zu deuten ist.

Das Wort wurde Fleisch“, so bringt der Evangelist Johannes die Geburt Jesu für sich auf den Punkt und Matthäus bringt mit den drei Forschern aus der Ferne die große Politik mit hinein in die Weihnachtsgeschichte. Der Regionalherrscher Herodes sieht seine sehr begrenzte Macht durch dieses Kind im Stall bedroht und die Fremden ahnen einen Umbruch in der Geschichte, der nur mit viel Weitblick und ihrem Wissen um die kosmischen Zusammenhänge zu verstehen ist.

In diesen Wochen und Monaten mit einer Pandemie, die alles uns Vertraute persönlich, im Bekanntenkreis und in dieser Welt durcheinanderwirbelt und zur Neuorganisation zwingt, könnte uns der Blick der Weisen auf die Weihnachtsgeschehnisse helfen.

So erzählt Matthäus die Geschichte:

1 Jesus wurde zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem, einer Stadt in Judäa, geboren. Bald darauf kamen Sterndeuter aus ´einem Land im` Osten nach Jerusalem. 2 »Wo ist der König der Juden, der kürzlich geboren wurde?«, fragten sie. »Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm Ehre zu erweisen.« 3 Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. 4 Er rief alle führenden Priester und alle Schriftgelehrten des jüdischen Volkes zusammen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden sollte. 5 »In Betlehem in Judäa«, antworteten sie, »denn so ist es in der Schrift durch den Propheten vorausgesagt: 6 ›Und du, Betlehem im Land Juda, du bist keineswegs die unbedeutendste unter den Städten Judas; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der mein Volk Israel führen wird wie ein Hirte seine Herde.‹«

7 Da rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen den genauen Zeitpunkt angeben, an dem der Stern zum ersten Mal erschienen war. 8 Daraufhin schickte er sie nach Betlehem. »Geht und erkundigt euch genau nach dem Kind«, sagte er, »und gebt mir Bescheid, sobald ihr es gefunden habt. Dann kann auch ich hingehen und ihm Ehre erweisen.«

9 Mit diesen Anweisungen des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her, bis er schließlich über dem Ort stehen blieb, wo das Kind war. 10 Als sie den Stern sahen, waren sie überglücklich.

11 Sie gingen in das Haus und fanden dort das Kind und seine Mutter Maria. Da warfen sie sich vor ihm nieder und erwiesen ihm Ehre. Dann holten sie die Schätze hervor, die sie mitgebracht hatten, und gaben sie ihm: Gold, Weihrauch und Myrrhe. 12 In einem Traum erhielten sie

 

2

daraufhin die Weisung, nicht zu Herodes zurückzukehren. Deshalb reisten sie auf einem anderen Weg wieder in ihr Land. (Neue Genfer Übersetzung)

Fremde kommen und fragen nach

Die Namen der drei Fremden kennen wir nicht, aber wir wissen, dass sie wohl aus der Region kamen, wo heute der Irak und der Iran liegen. Sie haben viel gelernt und waren Lehrer für Weltraumwissenschaft und Sternenkunde. Alle Bücher über Sterne werden sie gelesen haben.

Etwas besonderes passierte in diesem Jahr, als sie sich mit ihren Kamelen, ihren Koffern und ihren Sachen auf den Weg nach Bethlehem machten: am Nachthimmel entdeckten sie mit ihren Ferngläsern eine besondere Sternenkonstellation. Und, so hatten sie es in ihren klugen Büchern gelesen und von ihren Lehrern selbst irgendwann mal gelernt, wenn so etwas passiert, dann muss irgendwo ein mächtiger neuer König geboren sein.

Sie waren vermutlich ganz schön neugierig, ob das stimmte mit dem neuen König. Darum organisierten sie eine Karawane durch die Wüste in Arabien und reisten dem Stern nach. Vielleicht haben sie auch bei sich gedacht: Wir sind mit die ersten, die diesen neuen König kennenlernen und es ist sicher gut, wenn man ihn bald kennenlernt.

Als sie in das fremde Land kamen, kannten sie sich nicht aus. Wer weiß schon, wo man hin muss, wenn man den König sucht. Sie fragten bei der Polizei und bei Leuten, die sich gut auszukennen schienen, und die schickten sie zum König Herodes. Ob das der neue König war? Sie meldeten sich bei ihm an und sagten:

Wo ist der König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen und sind gekommen ihn anzubeten.“

Herodes und seine Ratgeber waren überrascht. Es gibt noch einen König in Jerusalem, vielleicht jemand, der ihm heimlich seinen Palast und die Macht wegnehmen will?

Könnte es eine Verschwörung gegen ihn sein, die er bis jetzt nicht bemerkt hat?

Nun, Herodes hatte schnell eine Idee, was er tun könne. Er schickte die drei Sternenleute aus dem Ausland wieder los und sagte ihnen: „Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihrs findet, so sagt mir´s, dass auch ich komme und es anbete.“

Das war gelogen. Herodes wollte nicht anbeten, er wollte das Kind töten. Vorsichtshalber sagte er schon mal den Offizieren seiner Armee Bescheid, dass es bald was zu tun gibt. In eine böse, eine boshafte und doppelzüngige Welt kommt Gottes Sohn.

Die drei Reisenden entdeckten ihren Stern wieder und sahen, dass er gar nicht über Jerusalem und dem Palast von Herodes stand, sondern sie zu einem Kind in einem einfachen Stall führte. Gottes Kompass am Himmel brachte sie zu einer einfachen Behausung, nicht in einen Palast.

Gott kennt keine Grenzen, keine Nationalitäten oder religiöse und ideologische Stammbücher mehr, wenn er Menschen einlädt, das Geheimnis seiner Liebe zu entdecken. Darum erzählt Matthäus von diesen Fremden. Früher als Nachbarn und Freunde der Eltern finden die weitgereisten Gäste den Weg zu Christus.

Die Fremden hatten einen langen Weg zur Krippe

Dass Gott zu uns kommt, mitten in diese Zeit, macht uns zu Reisenden. Wir machen uns auf den Weg, und folgen unserer oft sehr versteckten Sehnsucht, dass in diesen Tagen ein Strahl

 

3

der himmlischen Herrlichkeit auch in unser Leben hineinscheint. Die Reisenden aus der Fremde gingen Umwege, brauchten Zeit und trafen nicht gleich den, den sie suchten.

Der Stern Gottes für die, die unterwegs sind, kann ein Bibelwort sein, oder eine Aufgabe für andere, die uns immer wieder aus der persönlichen Trägheit reißt oder es wird uns ein Mensch einfach zu einem Stern in unserem Leben. Gottes Kompass funktioniert auch in dieser heiligen Nacht, wenn wir ihn zu nutzen wissen.

Einer der Fremden, die in unserer Zeit den Weg zur Krippe fanden, erzählte mir, wie seine Freundin für ihn zu diesem Leitstern Gottes wurde. Sie hatte ihren Ehemann verloren, als dieser während des Streifendienstes als Polizist tödlich verwundet wurde. Für sie brach als junge Mutter das ganze Leben zusammen. Der neue Freund begleitete sie in dieser tiefen Krise. Und sie vertraute auf ihren Glauben an Gottes Liebe auch in dieser Zeit. Nach vielen Monaten voller Klage, Wut und Trauer fand sie die innere Freiheit, dem Mörder ihres Mannes zu verzeihen. Ihr Freund begleitete sie auf diesem langen Weg und wurde mit jedem Schritt selber jemand, der nach Gottes Liebe für das eigene Leben fragte. Nicht im Stall in Bethlehem, aber auf einer persönlichen Pilgerreise durch das Jordantal fand dieser deutsche Ingenieur den Glauben an den Gott, den das Kind in der Krippe später einmal Abba/Vater nennen wird.

Gott hat viel Geduld, wenn er uns in unserem Femd-sein gegenüber seiner Liebe an die Hand nimmt. Gott trägt Lasten mit und geht unsere Wege mit, damit wir etwas von dem Glanz seiner Herrlichkeit mitten in dieser Welt entdecken können.

Die Geschenke der Fremden

Die Geschenke sind für die drei Reisenden nicht das Wichtigste. „Wir sind gekommen, um anzubeten!“, sagten sie. Darum haben sie sich auf den Weg gemacht. Für sie wurde es Weihnachten, als sie sich für den öffneten, an dessen Krippe sie standen.

Gott wartet nicht auf unsere Geschenke. Gott fragt nicht „Wie viel bin ich Dir wert?“ Gottes Liebe lädt uns, wie die fremden Gäste im Stall, zur Anbetung ein. So wenig kann man Gott schenken und so viel geschieht in der Anbetung.

Ein Mann bat mich, die Kirche aufzuschließen, damit er sich einfachmal alleine in die Kirche setzten dürfe. Danach erzählte er mir, wie er mit Gott über sein Leben geredet hatte, über all das Unglück mit dem er nicht fertig werden kann. Gott versteht ihn doch, so wollte er es noch einmal von mir bestätigt haben.

Wer mit Gott redet und betet, öffnet sich dem Blick Gottes auf das eigene Leben und der Gnade Gottes über diesem Leben.

Wer Gott anbetet, glaubt an einen tiefen Frieden für sich und andere und diese Welt, der jetzt anfängt und nicht mehr weggenommen werden kann, weil Gott ihn schenkt. An der Krippe des Menschensohnes hoffen wir mit Recht, dass Gottes Gerechtigkeit sich durchsetzen wird. Denn wo Unrecht regiert, hat die Heilige Nacht der Menschwerdung Gottes noch nicht angefangen.

Wir kommen mit vollen Händen an die Krippe und Christus lädt uns ein, alles abzulegen und unsere Hände zu öffnen. Das ist das Geheimnis um die Geschenke der Fremden: sie ließen wertvolle Geschenke in der einfachen Hütte und sie nahmen Wertvolleres mit auf ihren Weg zurück. Die Begegnung mit dem lebendigen Gott schenkte ihnen mutmachende Hoffnung und tatkräftigen Glauben. Das brachten die Reisenden nicht mit. Diese Schätze für ein Leben nahmen sie mit.

 

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Dieses himmlische Geschenk, das uns die Botschaft des Christfestes aufschließen will, bringt bis heute die Machtverhältnisse in dieser Welt durcheinander, weil der König der Welt, der die Dinge verändern und neuschaffen kann, sich nur dort offenbart, wo wir uns auf die Begegnung mit Gottes lebendiger Liebe einlassen können.

Amen.

 

Verantwortlich für den Text:

Pastor Günter Loos

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Jahreslosung 2021 - Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. | . Lukas 6, 36